Von der Arbeit, der Vier-in-einem-Perspektive und den Märchen

Von Christina Holst.

Ich möchte ein Märchen schreiben. Ein Märchen über die Arbeit oder von der Arbeit oder doch ein Arbeitsmärchen? Inspiriert zu dieser Idee wurde ich von der Soziologin und marxistischen Feministin Frigga Haug. Sie befasst sich seit Jahrzehnten mit den Themen „Feminismus“ und „Arbeit“ und hat die Vier-in-einem-Perspektive entwickelt, mit der sie für ein neues Verhältnis von Lohnarbeit zu sozialer Reproduktion plädiert (Haug 2011a). Laut Frigga Haug ist Arbeit nicht nur mit Erwerbsarbeit gleichzusetzen, sondern es gehören ebenso die Familienarbeit, die Gemeinwesenarbeit und die Entwicklungsarbeit dazu. Alle vier Bereiche sind gesellschaftlich relevant und wichtig, weswegen sie eine gleichwertige Verteilung sowohl zeitlich als auch zwischen den Geschlechtern beabsichtigt (vgl. Haug 2011b).
Die Vier-in-einem-Perspektive ist ein Vorschlag für die Politik, ein politischer Kompass (ebd.). Frigga Haug schreibt dazu „Lange Zeit wurden politische Projekte in diesen vier Bereichen getrennt verfolgt. Funktion der Verknüpfung ist es, einen Kompass zu liefern, der für die unterschiedlichen Projekte auf einen Zusammenhang orientiert und in dieser Bündelung wahrhaft kritisch, ja revolutionär ist, während jedes für sich genommen langfristig reaktionär wird, weil es den Herrschaftsknoten1 nicht angreift, der das Ganze zusammenhält“ (ebd.:o.S.).

1 Der Herrschaftsknoten bezieht sich auf die Herrschaftsverhältnisse, die kapitalistische Gesellschaften zusammenhalten:
die Klassenfrage, die Geschlechterfrage, die politische Regelung und die Entwicklung der Einzelnen (Haug 2011a).

Vorträge und Artikel zu diesem Gebiet leitet Frigga Haug häufig mit einem Märchen der Brüder Grimm ein. Sie schreibt: „Märchen sind voll Weisheit zum Einen, voller Moral zum Zweiten und dunkel von Schweigen, dass wir detektivisch Neues entdecken können“ (Haug 2013:o.S.).
Ich lese diesen Satz immer wieder, lese ein bisschen Humor und Ironie heraus, und möchte hier teilen, wie ich ihn verstehe.
Die Brüder Grimm weisen in ihrem Vorwort darauf hin, dass die gesammelten und aufgeschriebenen Märchen, die der Gattung Volksmärchen angehören, mitunter als Erziehungsbuch für Kinder dienen sollen (Grimm 2016 [1812/15]:9). Mittels dieser Geschichten werden Lehren transportiert, Moral vermittelt und Weisheiten weitergegeben. Dies geschieht durch eine kurze und knappe Handlung, in der Gut und Böse tugend- oder lasterhaft gelten, wie z.B. Faulheit oder Fleiß, Gier oder Großzügigkeit. Gleichzeitig lassen die Erzählungen durch ihre einfache und wenig umschreibende Form viel Raum für Interpretation. Ich denke hierauf spielt Frigga Haug mit dem letzten Satzteil des „Schweigens“ an. Durch das Nicht-Benennen bestimmter Umstände oder Tätigkeiten wird ebenfalls ein Bild und ein dazugehöriges Wertverständnis transportiert. Dieses ist jedoch implizit und den Rezipient*innen nicht unbedingt bewusst. Wer aber beim Lesen detektivisch vorgehen möchte, kann durchaus zwischen den Zeilen fündig werden, insbesondere auf der Suche nach Geschlechter- und Machtverhältnissen.

Wenn Märchen nun mitunter Lehren transportieren und eine erzieherische Funktion erfüllen können, wie verliefe dann eine Geschichte, welche ein anderes Bild von Arbeit transportiert? Eine Geschichte, die dazu einlädt, ein häufig vom Kapitalismus und Patriarchat geprägtes Verständnis von Arbeit zu hinterfragen.
Ich möchte ein Märchen schreiben. Ein Märchen über die Arbeit oder von der Arbeit. Es muss nicht spektakulär sein. Doch die, die zwischen den Zeilen lesen, dürfen es mitunter als revolutionär verstehen.


Der Kompass

Es lebte einmal ein Mädchen, die ihr2 ganzes Leben noch vor sich hatte. Sie war weder besonders schön noch schrecklich hässlich. Sie war ganz gewöhnlich und vor allem war sie furchtbar unglücklich. Den halben Tag saß sie am Spinnrad und verarbeitete Flachs zu Garn. Den Rest des Tages schrubbte sie den Boden, buk Brot und wusch Wäsche. Tag ein Tag aus, spann und putzte sie von früh bis spät. Eines Nachts, als das Mädchen erschöpft auf ihrem Strohbett die Augen schloss, um in den Schlaf zu finden, hörte sie eine Stimme.
Sie schaute sich in ihrer Kammer um, doch erst bei Kerzenlicht erblickte sie am Fenster etwas am Boden liegen. Es war ein Kompass, der zu ihr sprach. „Gewöhnliches Mädchen, was bist du so furchtbar unglücklich?“ „Ach“, sprach das Mädchen, „Mir scheint es so, als wäre das Leben so unbedeutend. Jeder Tag gleicht dem anderen, ich putze und spinne von früh bis spät und weiß nicht einmal wofür. Ich hörte, das Garn wird zu Teppichen gewoben und später auf dem Markt verkauft, gesehen habe ich diese jedoch noch nie. Ach, könnte ich doch nur mit meinem Bruder tauschen und auf dem Markt verkaufen, dann könnte ich mein Leben frei gestalten und die Menschen würden mich beachten.“ „Gut mein Mädchen, so soll es sein. In jede Himmelsrichtung steht dir ein Wunsch offen. Geh nun nach Norden und schau, ob du dort ein erfülltes Leben findest.“
Das Mädchen lief nach Norden bis es durch eine Stadtmauer kam und auf reges Treiben traf. Da ging sie über den Markt und traf sogleich auf einen Stand mit vielen Teppichen in allen Größen und Farben. Es herrschte freudiger Trubel und lebhafter Austausch. „Hier will ich verkaufen“, sprach sie und bekam sogleich eine Anstellung mit ein paar Talern für jeden Tag. Nun verkaufte sie von früh bis spät Tag ein Tag aus. Sie sprach mit Händlern, mit Bediensteten, mit Mönchen und vielen mehr. Jeden Abend füllte sie ihren Beutel mit Talern. Doch am nächsten Morgen war der Beutel viel leichter als zuvor. Das Mädchen hatte eine Bleibe suchen müssen und auch ihr Abendbrot war nicht umsonst. So verging die Zeit, die Blätter fielen und die Tage wurden kälter. Die wenigen Taler, die das Mädchen hatte hüten können, glänzten immer weniger. Sie war müde und erschöpft und wusste zum Schluss gar nicht mehr, was der Münzen eigentlicher Wert war. Eines Nachts sprach erneut der Kompass zu ihr. „Tüchtiges Mädchen, was bist du denn so schrecklich unglücklich? Du verkaufst doch auf dem Markt, so wie du dir es gewünscht hattest.“ „Ach“, sprach das Mädchen, „das Leben rauscht an mir vorbei. Tag ein Tag aus verkaufe ich die Teppiche und weiß nicht einmal wofür. Als ich noch gesponnen habe, da sah ich wenigstens, dass durch meine Arbeit Flachs zu Garn geworden ist.“ „Nun mein Kind, was willst du dann?“, fragte der Kompass.
„Ich möchte lernen. Die Mönche, die zu mir kamen, um einen Teppich zu kaufen, sie lernen den ganzen Tag von früh bis spät. Sie lesen und rechnen und schreiben und brauchen nicht spinnen oder verkaufen. Ach, könnte ich doch selbst den ganzen Tag lernen, dann wäre das Leben voller neuer Inhalte und ich könnte die Welt verstehen.“ „So geh gen Süden, dort wird dein Wunsch in Erfüllung gehen.“
Das Mädchen nahm ihren Beutel mit den paar Talern und machte sich auf, den Sternen des Südens zu folgen, bis sie an ein Kloster kam. Dort traf sie auf die Mönche vom Markt und auf viele mehr, die die letzte Ernte einholten und alles für die kalte Jahreszeit vorbereiteten. Der Winter brach ein und sie verbrachte den ganzen Tag bei Kerzenschein im dunklen Gemach mit Büchern und Schreibfedern und Pergament. Von früh bis spät dachte sie nach und grübelte hin und schrieb her. Sie verstand immer mehr über die Sprachen, die Sterne, die Pflanzen und die Menschen. Sie verstand Zusammenhänge, Abhängigkeiten und auch Widersprüche und sah die Welt samt ihrer Ungerechtigkeiten, gleichwohl voller Möglichkeiten.
Als draußen die Knospen platzten und die Tage länger wurden, sehnte sie sich nach frischer Luft, nach körperlicher Tätigkeit und vor allem nach anderen Menschen. Vor lauter Buchstaben und Zahlen war sie ganz müde und einsam geworden. Da sprach der Kompass aus ihrer Hosentasche „Kluges Mädchen, was bist du so traurig. Du hast doch die ganze Zeit lernen können von früh bis spät, genau wie du es dir gewünscht hattest?“ „Ach“, sprach das Mädchen, „die Tage vergehen und ich merke es kaum. Ich habe viel gelesen und gerechnet und verstanden, doch weiß ich gar nicht mehr wofür. Könnte ich doch nur mein Wissen teilen, so könnte ich die Welt verändern.“ „Dann gehe nach Osten mein Kind. Dort wird dein Wunsch in Erfüllung gehen.“
Also packte sie ihren Beutel und ein Buch und schritt gen Osten, bis sie in der Ferne ein großes Schloss sah. Kaum angekommen, wurde sie von den Menschen hofiert und zum Thron geführt. Da wurde ihr eine Krone aufgesetzt und von nun an war sie Königin. Sie regierte von früh bis spät und war Tag ein Tag aus bemüht die Welt zu verändern. Doch noch immer kamen Menschen, die ihr Leid klagten und es waren so viele, dass sie keine Zeit fand alle zu hören. Die Tage vergingen und doch erschien es ihr, als dass die Welt stehen bliebe und sie wurde immer müder und ihre Stimmung immer trüber.
Da sprach der Kompass „Mächtiges Mädchen, was fehlt dir bloß? Du sitzt doch auf einem Thron und kannst regieren von früh bis spät.“ „Ach“, sagte sie, „ich bin so ratlos und erschöpft. So gern möcht’ ich die Welt verändern, doch ist es viel zu viel für mich allein. Ich habe viel gelernt und auch verstanden, doch alles kann ich nicht begreifen. Ich regiere und entscheide und weiß gar nicht mehr wofür.“
„Nun mein Kind, ein Wunsch bleibt dir noch. Möchtest du nun gen Westen gehen?“ Das Mädchen zögerte. Da sprach sie nach einer Weile „Im Westen bin ich aufgebrochen. Ich werde mit der Sonne ziehen, doch möchte ich nicht bis ans Ende gehen. In der Mitte möchte ich mein Glück suchen, zwischen Nord und Süd, Ost und West.“
Da packte sie ihren Beutel, ihr Buch und den Kompass und machte sich auf den Weg. Sie lief bis die Sonne am höchsten Punkt am Himmel stand und sah ein großes Dorf inmitten von Feldern und Wäldern. Dort traf sie alt und jung, die lachten und stritten, spannen und backten, lernten und regierten. Jede*r für sich und alle zusammen. Es gab genug zu tun, die Arbeit war voller Vielfalt, Anstrengung und Freude und die Gemeinschaft war ein Zuhause. Sie teilten ihre Zeit, Verantwortung und Gedanken, ihr Hab und Gut und ihre Wertschätzung. „Hier will ich verweilen“, sagte das Mädchen. So vergingen die Tage und sie arbeitete von früh bis spät und machte von allem etwas und manchmal auch von allem nichts. Doch vor allem tat sie eines nicht, sie fragte nicht mehr wofür.

2 Ich verwende bewusst die weiblichen Personalpronomen und nicht die im Dativ und Genitiv eigentlich grammatikalisch korrekten maskulinen Pronomen für „das Mädchen“

Literaturverzeichnis

Grimm, J.& W. (2016 [1812/15]): Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand.
4. Auflage. Berlin: Holzinger

Haug, F. (2013): Herrschaft als Knoten denken.
In: Luxemburg, Heft 2/2013. Abgerufen von: www.zeitschrift-luxemburg.de/herrschaft-als-knotendenken/

Haug, F. (2011a): Vier-in-einem-Perspektive – Kompass für die politische Praxis.
In: Luxemburg, Heft 2/2011. Abgerufen von: www.zeitschriftluxemburg.de/vier-in-einem-perspektive-kompass-fur-die-politische-praxis/

Haug, F. (2011b). Die Vier-in-Einem-Perspektive – Eine Utopie von Frauen, die eine Utopie für alle ist.
In: Blog Postwachstum. Abgerufen von: www.postwachstum.de/die-vier-in-einemperspektive-eine-utopie-von-frauen-die-eine-utopie-fur-alle-ist-20110828

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