Über Care Revolution

Buchbesprechung von Vee Hoffmann

Care Revolution: Schritte in eine solidarische Gesellschaft von Gabriele Winkler

Care-Arbeit tangiert unser aller Leben. Ohne Care-Arbeit wäre es weder möglich als Gesellschaft in einem kapitalistischen System (mehr oder weniger) “zu funktionieren”, noch in irgendeinem anderen System. Auf Basis des Buches von Gabriele Winker “Care Revolution – Schritte in eine solidarische Gesellschaft” beschäftigte ich mich mit der Frage, warum es wichtig ist, die Reorganisation von Care-Arbeit in das Zentrum der Transformation unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens, zu stellen und wie es gelingen kann Gesellschaft entlang von Care-Arbeit zu transformieren. 

In dieser Ausarbeitung werde ich die Inhalte des Buches chronologisch wiedergeben und mit einem kurzen Fazit ergänzen. Zuerst werden die Begriffe Lohn-, Care- und Reprdouktionsarbeit, nach Gabriele Winkers Vorbild definiert und die Verschränkung von Lohn- und Care-Arbeit im kapitalistischen System umrissen. Anschließend problematisiere ich den Stellenwert von Care-Arbeit im Kapitalismus anhand der intersektionalen Kapitalismusanalyse. Danach folgt ein kurzer Exkurs in den intersektionalen Mehrebenenansatz, der als Basis für die intersektionale Kapitalismusanalyse dient. Diesen werde ich aufschlüsseln und kurz umreißen, warum der Ansatz für Transformationdesigner*innen ein interessantes Analyse-Werkzeug in der intersektionalen Forschung darstellen kann. Abschließend fasse ich die von Gabriele Winker vorgeschlagenen Lösungsansätze zur gesellschaftlichen Transformation entlang an Care-Arbeit zusammen und versuche sie kurz zu bewerten. 

Definition von Reproduktionarbeit, Care-Arbeit & Lohnarbeit

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, sind Menschen existenziell auf Sorgearbeit angewiesen. Der allgemeine Begriff Arbeit wird, gerade aus einer eurozentristischen Perspektive, allerdings meist eher mit “Lohnarbeit” gleichgesetzt, unbezahlte Sorgearbeit wird hierbei gerade in politischen Diskursen häufig unsichtbar gemacht.

Care- beziehungsweise Sorgearbeit schließt Tätigkeiten ein, die jede Person scheinbar automatisch ausführt, sei das kochen, Kinder erziehen, Freund*innen beraten, Angehörige versorgen/unterstützen, und vieles mehr. Auch entlohnte, berufliche Tätigkeiten können hier dazuzählen, wie beispielsweise die Arbeit von Haushaltsarbeiter*in, Pflegekräften, Erzieher*in, Lehrer*in, Sozialarbeiter*in, und vielen mehr. Sowohl Care- beziehungsweise Sorgearbeit im unbezahlten als auch im bezahlten Sektor wird primär von Frauen geleistet und unter anderem deshalb, abgewertet und nicht ausreichend bezahlt.

Care-Arbeit bzw. Sorgearbeit beschreibt Arbeitsinhalte, wie das Erziehen, Pflegen, Betreuen, Lehren oder Beraten, dies kann, wie erwähnt, kann auch unentlohnt und ehrenamtlich im Privaten geleistet werden. Care-Arbeit bildet folglich einen enormen Stellenwert in der Diskussion grundlegender menschlicher Bedürfnisse ab.

Der Begriff der Reproduktionsarbeit ist im Rahmen der 2. Frauenbewegung entstanden. Dieser umfasst die Arbeit, die zur Reproduktion der Arbeitskraft notwendig ist. Reproduktionsarbeit findet vor allem in Familien statt und stellt teilweise eine enorme Belastung familiärer Sorgearbeitenden dar. Die Begriffsdefinition von Reproduktionsarbeit grenzt Haus-& Sorgearbeit von Lohnarbeit ab. Sie ist nicht warenförmig und dient zur Unterstützung anderer Erwerbspersonen, hierzu zählt auch Selbstsorge, z.B. zur Aufrechterhaltung der eigenen Arbeitsfähigkeit. Eine Person wäre nicht in der Lage eine 40+ Stundenwoche zu arbeiten, wenn nicht andere Personen, seien dies Familienmitglieder oder, meist unterbezahlte, Putz- und Pflegekräfte, sich um Kinder, pflegebedürftige Menschen, den Haushalt oder das Abendessen kümmern würden. Auch aus der Einstiegsfrage zum Referat kam in den kurzen Kleingruppendiskussionen hervor, dass viele der (hauptsächlich FLINTA-Personen im Raum) auf vielen verschiedenen Ebenen unbezahlte Care-Arbeit in ihren Wohngemeinschaften oder Familien leisten.

Im Gegensatz zu Care-Arbeit und Reproduktionsarbeit beschreibt Lohnarbeit schließlich die bezahlte Arbeit von Arbeiter*innen, hierzu können auch Berufe zählen, die in den Care-Bereich eingeordnet werden (Pfleger*innen, Putzkräfte, etc.).

Die Verschränkung von Lohn- und Care-Arbeit und die Problematik von Care-Arbeit im Kapitalismus

Nachdem wir uns mit der Begriffsdefinition von Care/Sorgearbeit, Reproduktionsarbeit und Lohnarbeit auseinandergesetzt haben, kommen wir nun zur Verschränkung von Lohn- und Reproduktionsarbeit im kapitalistischen System und der Problematisierung des Stellenwertes von Reproduktionsarbeit in eben diesem. Hierfür werde ich mich auf Karl Marx beziehen, wobei zu Beginn festgehalten werden muss, dass in Marx’ Theorie Reproduktionsarbeit als solche nicht vorkam.

Marx beschreibt den Wert der Arbeitskraft als dem Wert jeder anderen Ware gleichgesetzt. In den Wert der Arbeitskraft fließen (Reproduktions-)kosten für die Aufrechterhaltung der Arbeitskraft der Lohnarbeitenden und Reproduktionskosten für eine potenzielle neue Generation an Lohnarbeitenden. Der Lohn beschreibt hierbei der Wert der Arbeitskraft, von dem sich Lohnarbeitende sich unterhalten. 

Wie bei jeder anderen Ware hängt der Wert der Arbeitskraft von der Menge der Güter ab, die Lohnarbeitende brauchen, um die eigene Reproduktion aufrechtzuerhalten und (Lohn-)arbeitsfähig zu bleiben. Marx beschreibt dies als “historisch moralisches Element”, bzw. als Faktor, der den Wert der Arbeitskraft bestimmt, benennt, aber nicht die

Menschen, die eben diese Reproduktion der Arbeitskraft ermöglichen, noch bezieht er sie als Arbeiter*innen in seine Theorie ein.

(Lohn)-Arbeiter*innen brauchen nämlich nicht nur Ware, wie ein Ort zum Schlafen, eine Möglichkeit Körperhygiene zu betreiben, einen Ort oder Produkte, um sich zu unterhalten oder zu entspannen, sondern auch (oftmals) nicht-entlohnte Haus- und Sorgearbeit (diese kann von vermögenden Familien auch als “Ware” eingekauft werden, hierzu im Folgenden mehr).

Hinzu kommt, dass die Ware Arbeitskraft, wie es im Kapitalismus üblich ist, mehr Güter als notwendig produziert, dieser Mehrwert kommt, allerdings nicht den Arbeiter*innen, sondern den Produktionsmittelbesitzenden zu Gute. Aus diesem Grund ist es für Produktionsmittelbesitzer*innen besonders interessant, die Reproduktion der Arbeitskraft möglichst kostengünstig stattfinden zu lassen und legt nahe, diese ins Private auszulagern, da diese für die Logik vom kapitalistischen Verwertungsprozess unbedeutend ist. Die Profitrate darf also nicht belastet werden, während gleichzeitig Arbeitskraft reproduziert werden muss und dies soll ohne zu großen Mehraufwand von Kapital passieren. Die Reproduktionsarbeit selbst schafft also keinen Mehrwert, kann aber Höhe des Mehrwerts positiv beeinflussen, wenn sie die Reproduktionskosten der Arbeitskraft verringert. 

Lohn-& Reproduktionsarbeit sind strukturell immer aufeinander angewiesen. Nach kapitalistischer Logik kann die Rolle, die Reproduktionsarbeit im Verhältnis zu Lohnarbeit spielt, zusammenfassend folgendermaßen beschrieben werden: Sie sollte gerade ausreichen, um die Arbeitskraft zu reproduzieren, dabei aber möglich kostengünstig abgewickelt und am besten in das private Umfeld outgesourct werden. Die Organisationsform von gesellschaftlicher Reproduktion hat wesentlichen Einfluss auf die Kosten der Ware “Arbeitskraft”. 

Wie bereits zum Ende des vorherigen Abschnittes angeklungen ist, beruht eine kapitalistisch strukturierte Gesellschaft auf Profitmaximierung als grundlegende Dynamik. 

Im folgenden Abschnitt werde ich die aktuelle Krise der sozialen Reproduktion, wie in Gabriele Winkers Buch, über den intersektionalen Mehrebenenansatz analysieren und im Folgenden als transformatives Analyse-Werkzeug genauer beschreiben. 

Innerhalb des Kapitalismus wirken unterschiedliche Herrschaftsverhältnisse, der intersektionale Mehrebenenansatz beschreibt hierbei die folgenden: Klassismen, Heteronormativismen, Rassismen, Bodyismen (Ageism, Ableism, Lookism). Sie stehen in Wechselwirkung miteinander, verstärken sich und schließen einander nicht aus (Intersektionalität). 

Diese Herschafftsverhältnisse stellen in Bereichen der Lohn- & Reproduktionsarbeit eine Voraussetzung für die Reproduktion kapitalistischer Gesellschaften und machen die Sicherung der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse und Bereitstellung der Produktionsmittel möglich. Zu Produktionsmitteln zählen, wie bereits im oberen Abschnitt erwähnt, auch Arbeitskräfte. 

Entlang von klassistischen, heteronormativen, rassistischen und bodyistischen Herrschaftsverhältnissen werden innerhalb von Lohn- & Reproduktionsarbeit Menschen unterschiedliche Positionen zugewiesen. 

Disclaimer: In Bezug auf Heteronormativismen wird leider auch in diesem Text eine sehr binäre Sprache verwendet, die sich vor allem auf “weiblich” und “männlich” konnotierte Berufe bezieht. Hiermit sind die zugeschriebenen Rollenbilder gemeint, die von einer heteronormativen Gesellschaft auferlegt werden. Es wird anerkannt, dass alle Geschlechter konstruiert sind und dass mehr Geschlechter, als nur das männliche und das weibliche Geschlecht existieren.

Klassismen beispielsweise beziehen sich nicht nur auf den Produktions-, sondern auch auf Reproduktionsprozess. Gut bezahlten Beschäftigten bleibt Möglichkeit offen, Teile der Reprodouktionsarbeit an Dritte weiterzugeben, sie können sich quasi aus dem Dilemma von persönlicher Überlastung “freikaufen” und erfahren dieses dadurch als weniger belastend.

Des Weiteren werden Berufsfelder geschlechterstereotyp zugewiesen. Care-Arbeit als Lohnarbeit ist vor allem weiblich konnotiert und wird dadurch auch schlechter bezahlt, da “weibliche Arbeit” in einer heteronormativen Gesellschaft ein geringerer Wert zugeschrieben wird als “männlicher”. Dies wird auch als geschlechterhierarchische Arbeitsteilung beschrieben. 

In den letzten Jahrzehnten stieg allerdings auch die Frauenerwerbsbeteilignung, wodurch die notwendige Care-Arbeit nicht mehr so einfach kostengünstig in Familien und vor allem an Frauen ausgelagert werden konnte. Die bereits im Abschnitt des “Klassismus” beschriebene Auslagerung der Reproduktionsarbeit in vermögenden Haushalten an Dritte, meist schlecht entlohnte migrantische Hausarbeiter*innen, beschreibt, wie die Komponente des Rassismus hier mit reinspielt. Die Arbeitskraft von migrantisierten Menschen wird in einer Gesellschaft, die von weißer Vorherrschaft geprägt ist, ebenfalls als minderwertig angesehen und abgewertet, ganz besonders die von migrantisierten Frauen of Color. 

Das “funktioniert” in dem von strukturellem Rassismus durchzogenen System, in dem wir leben, deshalb besonders gut, weil strukturell Zugang zu Erwerbsarbeit, Wohnraum und gesellschaftliche Teilhabe für migrantisierte Menschen und People of Color erschwert oder verhindert wird und sie so in unsichere Arbeitsverhältnisse in Privathaushalten gedrängt werden und sich gezwungen sehen schlecht-entlohnte, prekäre Arbeitsverhältnisse zu akzeptieren. 

Neben heteronormativen, klassistischen und rassistischen Herrschaftsverhältnissen wirken sich außerdem Krankheit und Behinderung negativ auf berufliche Chancen und Zugänge aus. Nach kapitalistischer Logik werden Körper nicht als natürlich gegeben angesehen, sondern als mechanisch, genetisch, psychisch und physiologisch manipulierbar. Im Umkehrschluss bedeutet das nach kapitalistischer Logik, dass kranken, körperlich beeinträchtigten oder generell weniger belastbaren Menschen eine eigene Schuld oder Mitschuld für ihre Situation zugeschoben wird und ihnen deshalb notwendige gesellschaftliche Unterstützung wird, nur teilweise “zusteht” und zur Verfügung gestellt wird. 

Was ist der intersektionale Mehrebenenansatz?

Nachdem wir die verschieden wirkenden Herrschaftsverhältnisse in Bezug auf Reproduktions- und Lohnarbeit beleuchtet haben, werde ich jetzt einen kleinen Diskurs zum intersektionalen Mehrebenenansatz wagen und diesen als transformatives

Analysewerkzeug zur intersektionalen Forschung vorstellen. Eine schematische Darstellung, die ich auf Basis des Textes “1. Theorie: Der Intersektionale Mehrebenenansatz” aus dem Buch “Intersektionale Sozialforschung” von Kathrin Ganz und Jette Hausotter1 angefertigt habe, ist im Anhang unter Abb. 1 zu sehen.

Der intersektionale Mehrebenenansatz betrachtet den Kapitalismus und die soziale Arbeitsteilung als politisch-ökonomischen Rahmen, innerhalb dessen sich Herrschaftsverhältnisse, geprägt von kapitalistischen Logiken, in dynamischen Prozessen zwischen sozialen Strukturen, symbolischen Repräsentationen und Identitätskonstruktionen, sogenannten sozialen Praxen, herausbilden, Stabilität erlangen, sich dabei fortlaufend verändern. Die intersektionale Sozialforschung im Allgemeinen hat den Anspruch, auf Basis eines feministisch-materialistischen Gesellschaftsverständnisses subjektorientiert zu forschen. Was das genau bedeutet, wird im Folgenden näher erläutert werden. 

Der Kapitalismus wird innerhalb des intersektionalen Mehrebenenansatzes nicht als Herrschaftsverhältnis neben anderen Herrschaftsverhältnissen, wie beispielsweise dem Patriarchat, sondern als politisch-ökonomischer Rahmen gesehen. Er bildet quasi die Umgebung und die Voraussetzung für das Ausprägen, Zusammenwirken und sich Verändern der verschiedenen Herrschaftsverhältnisse. Bevor wir uns den Ansatz genauer ansehen, muss außerdem kurz definiert werden, wie sich  Herrschaft in den meisten aktuellen Gesellschaftsformen des globalen Nordens ausprägt und hält. In liberalen Demokratien nimmt Herrschaft die Form von Hegemonie an, das bedeutet, dass Herrschaft durch weitreichenden Konsens der Menschen, über welche Macht ausgeübt wird, intakt gehalten wird. Erst wenn dieses Prinzip des weitreichenden Konsenses an seine Grenzen stößt, wird die Herrschaft durch Zwang durchgesetzt. Ein Dulden der aktuellen Verhältnisse hält also Herrschaft intakt und trägt dazu bei, dass der allgemeine Konsens über verschiedene Bedingungen beibehalten wird. 

Kommen wir nun zu der Rolle von Lohn- und Reproduktionsarbeit im Schema des intersektionalen Mehrebenenansatzes. Die Trennung von Lohn-& Reproduktionsarbeit ist eine zentrale Voraussetzung für kapitalistische Ausbeutung. Wie bereits oben beschrieben ist ohne unbezahlte Reproduktionsarbeit keine kostengünstige Reproduktion der Arbeitskraft möglich und die Gewinnmarge für die Produktionmittelbesitzenden fällt geringer aus.

Wie ebenfalls oben beschrieben stehen beide Formen der Arbeit im Zusammenhang mit sozialer Ungleichheit, da Einkommen und Qualität der Lohnarbeitsverhältnisse ungleich entlang der Achsen sozialer Ungleichheiten verteilt sind. Die soziale Arbeitsteilung selbst ist ebenfalls mit verschiedensten Herrschaftsverhältnissen verknüpft, welche unter anderem bestimmen, unter welchen Bedingungen Menschen arbeiten und ihr Leben gestalten können.

Die Herrschaftsverhältnisse, die nach dem intersektionalen Mehrebenenansatz wirken, werden hier als Heteronormativismen, Bodyismen, Klassismen und Rassismen beschrieben. Um sich in den Leben von Menschen unterschiedlich auszuprägen, benötigen diese Herrschaftsverhältnisse die drei Ebenen der sozialen Praxen: soziale Strukturen, symbolische Repräsentation und Identitätskonstruktion.

1  www.transcript-open.de/pdf_chapter/bis%204699/9783839445143/9783839445143-003.pdf

Soziale Strukturen umfasst die Bedeutung von Ungleichheiten für sozioökonomische Produktionsverhältnisse, symbolische Repräsentation beschreibt die verschiedene Formen der ideologischen Absicherung des Systems (z.B.: Was wird als “normal” und was als “nicht normal” wahrgenommen? Welche Normen herrschen vor? Welche Diskurse sind dominant?) und Identitätskonstruktion meint die Positionierung von Individuen und Gruppen in Abgrenzung zu anderen Individuen und Gruppen (z.B.: Wer wird als “zugehörig” wahrgenommen, wer als “außenstehend”? Wer ist “fremd” oder wird als solches beschrieben?). Intersektional ist der Mehrebenenansatz deshalb, weil er anerkennt, dass die Herrschaftsverhältnisse in Wechselwirkung miteinander stehen, sich gegenseitig verstärken, bedingen und die Erfahrung, die Menschen in ihrem Leben, in sozialer Interaktion, in Lohn- und Reproduktionsarbeits-Verhältnissen prägen und verändern. 

In der Definition zu Beginn dieses Abschnittes wurde erwähnt, dass der Mehrebenenansatz den Anspruch erhebt “subjektorientiert” zu forschen. Dies wird dadurch berücksichtigt, dass zum einen anerkannt wird, dass alle wirkenden Herrschaftsverhältnisse nicht vollständig determiniert werden können, durch das, was auf den drei Ebenen, der sozialen Strukturen, der symbolischen Repräsentation und der Identitätskonstruktion passiert. Vielmehr wird beobachtet, wie Subjekte mit den Widersprüchen des kapitalistischen Systems ihre ideologischen Absicherungen und Identitätsangebote umgehen. Das Ziel ist es hierbei komplexe und möglichst widersprüchliche Differenzierungsprozesse zwischen den drei Ebenen abzubilden und Ursachen zu bestimmen, für die ungleichen Erfahrungen, die Menschen bezüglich ihrer Rolle und Position in der Gesellschaft sowie, ihrer eigenen Handlungsfähigkeit machen, sowie diese gesellschaftstheoretisch einzuordnen. Das Subjekt wird hierbei zeitgleich als unterworfen und als handlungsfähig konzipiert, es kann also in einem bestimmten Rahmen handeln, welcher sich je nachdem, wie sich die Herrschaftsverhältnisse für das Subjekt auf den drei Ebenen ausprägen, unterschiedlich gestalten und wahrgenommen werden. Über die sozialen Praxen entwerfen sich Subjekte in sozialen Kontexten, konstruieren Identitäten, verarbeiten den Einfluss bestimmter symbolischer Repräsentationen, stürzen oder stärken soziale Strukturen und/oder stellen diese infrage. Hierbei ist wichtig zu betonen, dass Herrschaftsverhältnisse keine Gesetzmäßigkeit beschreiben, sondern erst durch die drei Ebenen der sozialen Praxen Gestalt annehmen und sich formen lassen. Wichtig ist außerdem, dass bei beispielsweise der Analyse von Interviewfragen mithilfe des intersektionalen Mehrebenenansatzes niemals abstrakte Erkenntnisse mit konkreten Lebenserfahrungen verwechselt werden sollten, sondern immer die Erfahrungen des Subjektes im Vordergrund stehen müssen. Der Ansatz selbst dient nur als Analysewerkzeug, um diese Erfahrungen gesellschaftstheoretisch einordnen zu können. 

Warum ist dieser Ansatz interessant für Transformationsdesign & intersektionale Forschung?

Interessant ist dieser Ansatz meiner Meinung nach für transformative, intersektionale Gesellschaftsforschung, weil er einen Rahmen vorgibt, innerhalb dessen individuelle Erfahrungen im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Verhältnissen betrachtet werden können und Fragen wie “Warum arrangieren sich Menschen häufig mit dem Gegebenen, anstatt nach Alternativen zu suchen?” analysiert werden können. Wir können uns die subjektiv wahrgenommenen Handlungsspielräume bzw. die wahrgenommene Handlungsfähigkeit von Menschen vornehmen und diese auf wirkende Herrschaftsverhältnisse innerhalb des Kapitalismus zurückführen, ohne die individuelle Erfahrung der Menschen zu sehr herunter zu rationalisieren und zu theoretisieren. Die Frage nach (wahrgenommener) Handlungsfähigkeit ist, wie ich es bisher im Studium des Transformationsdesigns erlebt habe, eine sehr zentrale, und ich stelle es mir interessant vor, hier mithilfe des intersektionalen Mehrebenenansatz dieses Gefühl von Macht oder Ohnmacht subjektorientiert weiterzuerforschen. 

Wie kann die gesellschaftliche Transformation durch Care-Revolution funktionieren?

Nun komme ich zu dem letzten Teil der Referats-Ausarbeitung, nämlich der Frage, warum Care-Arbeit ein möglicher Ansatzpunkt für gesellschaftliche Transformation sein kann. In dem Buch von Gabriele Winker  wird zuerst die Krise der sozialen Reproduktion nochmals rekapituliert. Diese ergibt sich, wie bereits oben kurz angerissen, daraus, dass sich der Widerspruch zwischen Profitmaximierung und Reproduktion der Arbeitskraft immer weiter zuspitzt. Innerhalb des Kapitalismus befinden wir uns aktuell in einer, wie von Marx auch beschriebenen Überakkumulationskrise. Diese Krise tritt im Kapitalismus unweigerlich ein, wenn ein Überschuss an Kapital in einer Gesellschaft produziert wird und somit das gesamtwirtschaftliche Wachstum verlangsamt wird. Dieser Krise kann durch Einsparung in verschiedenen Sektoren, so auch dem der sozialen Reproduktion, entgegen gewirkt werden. Die Krise der sozialen Reproduktion verschärft sich aus dem Grund, dass durch die Überakkumulationskrise der soziale Sektor genau so behandelt wird, wie jeder andere wirtschaftliche Sektor, in dem Einsparungen vorgenommen werden können. Bei beratende, lehrende, pflegende, betreuende und heilende Tätigkeiten kann allerdings nur bis zu einem gewissen Grad eingespart werden, bevor die Tätigkeit selbst ihre Wirksamkeit verliert. Eine Lehrperson beispielsweise, kann nur eine gewisse Anzahl an Kindern gleichzeitig beaufsichtigen, ohne dass eines zu Schaden kommt, eine Pflegekraft kann nur eine gewisse Anzahl an Patient*innen pflegen, ohne dass ihre Gesundheit oder die der Patient*innen darunter leidet. Aus diesem Grund wirkt es nach kapitalistischer Logik so, als ob relativ zu anderen Dienstleistungen und Gütern die Ausgaben für Care-Arbeit steigen würden, trotz geringerem Umfang von Leistung. Durch private Care-Unternehmen und den Versuch staatlicher Institutionen, Kosten durch Arbeitsintensivierung und Lohnsenkung zu verringern, wird die Krise der Reproduktionsarbeit weiter verschärft, Arbeitsschritte werden zeitlich verdichtet, rationalisiert und beschleunigt. Das führt zu Frustration und Krankheit auf Seiten der Care-Arbeit-Leistenden und verschärft bestehende Machtverhältnisse weiter: noch schlechter bezahlte Care-Tätigkeiten, die von v.a. migrantisierten FLINTA gestemmt werden müssen, vermögende Menschen, die sich Care-Arbeit als Ware einkaufen können, Doppelbelastung von FLINTA, die sowohl Lohnarbeit leisten, als auch einen Großteil der Sorgearbeit im Privaten stemmen und immer schlechtere Versorgung von Kranken und Alten Menschen durch Einsparungen im Gesundheitssektor. Es wird deutlich, dass ein Neudenken des Gesundheitssystems nicht in eine kapitalistisch organisierte Ökonomie passen kann. 

Winkler schlägt nun verschiedene Lösungsansätze vor, die wir zur Vorbereitung auf den Kurs und das Referat mithilfe der Kapitel 6 und 7 ihres Buches gelesen und im Anschluss an das Referat in der Runde diskutieren werden konnten. Zuerst wird betont, dass ein neoliberales System niemals in der Lage sein wird, grundlegende Bedürfnisse für die große Mehrheit der Menschen zu befriedigen. Es braucht also eine grundlegende gesellschaftliche Alternative für die Organisation und Distribution von Care- und Sorgearbeit. Hierfür ist eine umfassende Krisenanalyse notwendig, die sich nicht nur auf den Finanzsektor beschränkt und somit die Krise der sozialen Reproduktion, die für Menschen so direkt spürbar ist, unsichtbar macht. Es muss deutlich werden, dass eine Gegenwehr gegen das aktuelle System, welches Profitmaximierung für wenige über das Wohl von vielen Menschen stellt, sowohl moralisch als auch politisch von Bedeutung ist und ein Hinnehmen der ungleichen Verhältnisse aktuelle Herrschaftsverhältnisse nur weiter verfestigt (Hegemonien). Und schlussendlich, da sich Care-Arbeit direkt mit grundlegenden menschlichen Bedürfnissen beschäftigt, kann dies ein Ansatzpunkt sein, die Gesellschaft ausgehend von menschlichen Bedürfnissen, wie Selbstsorge und Sorge für andere, zu gestalten.

Im Kapitel 6 zählt Winkler schließlich verschiedene konkrete politische Schritte auf, die umgesetzt werden müssen, um eine Gesellschaft ausgehend von Care- und Sorgearbeit neu zu strukturieren. Ein Faktor, den sie herausstellt, ist der Zeit und der finanziellen Absicherung, weshalb Winkler Konzepte, wie verürzte Arbeitswochen und z.B. ein bedingungsloses Grundeinkommen, als Grundlage dafür sieht, für viele Menschen überhaupt die Möglichkeit zu erlangen, sich politisch zu informieren, organisieren und an Entscheidungsprozessen teilzuhaben. 

Eine Vernetzung von Care-Arbeitenden ist für das Durchsetzen weiterer politischer Schritte wichtig. Winkler schlägt beispielsweise das Vernetzen von Sorgearbeitenden im privaten und im Lohnarbeitssektor vor. Ein Ansatz hierfür wurde auf der Aktionskonferenz Care Revolution im Mai 2014 ausprobiert. 

Als weiteren wichtigen Aspekt zählt Winkler den Ausbau öffentlicher Einrichtungen zur Unterstützung von familiärer Reproduktionsarbeit auf. Sie betont, dass ein bedeutsamer Teil von Reproduktionsarbeit auf ausgebildete Fachkräfte angewiesen ist und nur gemeinschaftlich und professionell gestemmt werden kann. Hierfür braucht es gut ausgestattete Einrichtungen, die steuer- und gebührenfrei allen Menschen zur Verfügung stehen müssen. 

Als eine zusätzliche Säule der Care-Revolution wird die Demokratisierung und Selbstverwaltung des Care-Bereichs aufgezählt. Die Organisation von Care-Arbeit greift direkt in das Leben von Menschen ein und eine Profitorientierung führt, wie in den oberen Abschnitten ausgeführt, offensichtlich nur weiter zu der Verschärfung von sozialen Ungleichheiten. Menschen haben daneben unter anderem aufgrund von wirkenden Herrschaftsverhältnissen sehr unterschiedliche Bedürfnisse und Ansprüche an Carearbeit, diese müssen in der Organisation eben dieser beachtet und einbezogen werden. 

Sorgearbeit muss somit kollektiv und demokratisch verwaltet werden, hierzu zählen nach Winkler auch die Bereiche, die in den letzten Jahren immer weiter privatisiert wurden. Winkler schlägt hierfür eine dezentrale Organisation innerhalb von Nachbarschaften vor, um Formen der Selbstverwaltung zu erproben. Des Weiteren müssen privatisierte Sektoren und staatliche Aufgaben in Care-Sektoren wieder zurück an Wohlfahrtsverbände gegeben werden. 

All diese Schritte sieht Winkler als notwendig, um innerhalb des kapitalistischen Systems den Care-Bereich der Privatwirtschaft und der staatlichen Bürokratie zu entziehen, die Care-Revolution darf aber an diesem Punkt nicht stehen bleiben, denn innerhalb des kapitalistischen Systems kann keine Transformation hin zu einer solidarischen Gesellschaft gelingen. 

Weiterhin schlägt Winkler vor, die Produktionsmittel (z.B. Güter der medizintechnischen Industrie oder der Pharmaindustrie), auf welche der Care-Bereich angewiesen ist, zu vergesellschaften. Früher oder später sind hiervon dann auch die Bereiche des Wohnungsbaus, der Energie- und Wasserversorgung und der räumlichen und digitalen Mobilität betroffen, da auch diese Bereiche zur Befriedigung grundsätzlicher menschlicher Bedürfnisse essenziell sind. Durch Umverteilung geraten Logiken von Bedürfnisorientierung und Kapitalverwertung aneinander, somit führt letztendlich kein Weg daran vorbei, die Logik von Privateigentum von Produktionsmitteln völlig abzuschaffen. Hierfür werden viele verschiedene Zwischenschritte und mögliche Ansätze zur Umsetzung gegeben, die ich an dieser Stelle nicht wiederholen werde, für eine tiefergehende Ausführung kann das Kapitel 6.2.5 von Gabriele Winklers Buch gelesen werden. 

Als letzten wichtigen Punkt gibt Winkler die Frage nach einer Kultur des Miteinanders und der Solidarität an. Als Grundlage und Nährboden zum Kultivieren und Entfalten eines solidarischen Miteinanders können die oben beschriebenen Punkte dienen, da es innerhalb des neoliberalen Kapitalismus, der vor allem Individualismus und hierarchische Verhältnisse in verschiedensten Bereichen im Gegensatz zu Kollektivität nahe legt, kaum möglich sein wird, eine starke solidarische Gesellschaft aufzubauen. Ein Bestandteil der Care-Revolution muss also auch das Erlernen eines solidarischen Miteinanders sein, um gegenseitige Unterstützung und kollektive Sorge zu kultivieren.

Winkler betont immer wieder, dass Care-Revolution ein langsamer Prozess sei, auf welchem kleine Erfolge schnell wieder zurückgedrängt werden können und deren Weg nicht gradlinig verlaufen wird. Weshalb von keinem der ober aufgeführten Punkte eine wundersame oder unverzügliche Wirkung erwartet werden kann.

Kurze Bewertung der Lösungsansätze 

Die Vorschläge von Winkler stehen meiner Meinung nach eng in Verknüpfung mit den Transformationsebenen von Andrea Vetter und betrachten verschiedene Sektoren und Handlungsspielräume entlang des Care-Bereiches mit anschließendem Blick auf die Organisation der gesamten Gesellschaft. Selbstverständlich sind all das keine Schritte, die Individuen alleine oder mit ein paar Projekten vollziehen können oder die sich schnell umsetzen lassen und sofortige Wirkung zeigen, dennoch finde ich es plausibel und sehr konkret aufgezeigt, wie eine Care-Revolution zu einer Transformation der Gesellschaft hin zu einem bedürfnisorientiertem solidarischen Miteinander aussehen kann und zeigt deutlich ass die Organisation des Care-Sektors in transformativer Gesellschafts- und Zukunftsanalyse immer eine zentrale Rolle einnehmen muss.

Quellen: 

Abb. 1

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