Technofeministische Praxis der Zukunftsgestaltung

In dem Seminar Praxis der Zukunftsanalyse hat Vanice Devenich sich mit der Technofeministischen Praxis auseinandergesetzt. 

Ihre Referatsverschriftlichung mit vertiefender Auseinandersetzung kannst du hier nachlesen.

Einleitung

Das Internet ist zu einem integralen Bestandteil vieler Lebensrealitäten geworden und damit ein hochpolitisierter Raum. Es hat enormen Einfluss auf Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft. Allerdings ist dieser Raum nicht für alle Menschen gleich zugänglich oder sicher. Marginalisierte Gruppen wie zum Beispiel Frauen, BIPoC, queere Menschen, trans Menschen, Menschen, die von Ableismus betroffen sind und insbesondere Menschen, die von mehreren Diskriminierungsformen gleichzeitig betroffen sind, sind sowohl in der physischen Welt als auch im Internet mit Gewalt, Belästigung und Diskriminierung konfrontiert. Ihre Stimmen und Perspektiven werden bei der Mitgestaltung des Internets nicht gehört bzw. aktiv unterdrückt. Technofeministische Praxen und die damit verbundene Gestaltung eines feministischen Internets streben an, die Zukunft des Internets auf eine intersektionale und queerfeministische Weise zu beeinflussen und mitzugestalten. Die Praxen beschäftigen sich damit, wie sowohl gegenwärtig als auch zukünftig Diskriminierung und Formen von Gewalt bekämpft und wie Hindernisse für marginalisierte Gruppen abgebaut und Zugänge geschaffen werden können. 

Die hier vorliegende Referatsverschriftlichung und das dazugehörige zuvor vorgetragene Referat geben Einblicke in technofeministische Praxen der Zukunftsgestaltung. Theoretische Grundlage ist dafür vorwiegend die im Jahr 2018 erschienene Publikation Die schönen Kriegerinnen. Technofeministische Praxis im 21. Jahrhundert von Cornelia Sollfrank, in der einige Beispiele aus der technofeministischen Praxis detaillierter vorgestellt werden. Auch die Projekte der NGO Feminist Internet nehmen einen großen Teil der Praxisbeispiele ein, die im Zuge des Referats vorgestellt werden. 

Wenn in der vorliegenden Arbeit von ‚dem Internet‘ gesprochen wird, ist ein globales Netzwerk gemeint, das auf verschiedenste Lebenswirklichkeiten unterschiedlichen Einfluss nimmt. Es ist darauf hinzuweisen, dass das Internet kein einheitliches, homogenes System ist, sondern von unterschiedlichen Akteur_innen entwickelt und von unterschiedlichen Interessen beeinflusst wird. Die Erfahrung des Internets ist nicht für alle Benutzer_innen gleich. Genau so gibt es nicht ‚den einen Feminismus‘, sondern verschiedenste Strömungen mit unterschiedlichen Motiven.

Equality is loading

Um deutlich zu machen, von welchem Standpunkt die Zukunftsgestaltung eines feministischen Internets argumentiert, ist es hilfreich, sich vergangene sowie gegenwärtige Strukturen anzuschauen und zu problematisieren, die das Internet konstituieren.

Die Welt, in der wir leben, ist durchzogen von Machtstrukturen und Diskriminierungsformen. Da das Internet lediglich eine weitere Dimension darstellt, ist auch diese von jeglichen -ismen durchzogen. In Technologien setzen sich bereits vorherrschende Denkweisen fest: „Online und offline sind nicht länger getrennte Sphären, sondern zu einem Kontinuum geworden.“1

Wie die Mitbegründerin von Feminist Internet Dr. Charlotte Webb in ihrem TEDx Talk2 zum feministischen Internet erklärt, wurde das Internet in einem männlich dominierten Tech-Sektor3 in einem sexistischen System kreiert, in dem Profit an erster Stelle steht. Patriarchale sowie kapitalistische Strukturen wurden demnach von Anfang an im Code selbst angelegt. 

1 Sollfrank, Cornelia: Die schönen Kriegerinnen. Technofeministische Praxis im 21. Jahrhundert, Wien: transversal, 2018, S. 8.

2 TEDx Talks: „Designing the feminist internet | Charlotte Webb | TEDxBarcelonaWomen“, 2019, [YouTube] https://www.youtube.com/watch?v=ulzBi0EgcHI, 00:00-19:15 (abgerufen am 09.03.2023).

3 Nicht unerwähnt bleiben sollte an dieser Stelle, dass Frauen die ersten Expertinnen im Computerwesen waren, wofür sie jedoch nicht respektiert wurden. Als Computerwesen dann mit Macht in Verbindung gebracht wurde, wurden Frauen aus ihren Positionen verdrängt, damit diese keine mächtigeren Positionen einnehmen konnten als ihre männlichen Kollegen. Vgl. dazu Mar Hicks: „Sexism is a feature, not a bug“, in: Your Computer is on Fire, S. 135-158.

Tweets der KI „Tay“

Technologien spiegeln die Gesellschaft wider und werden von Menschen beeinflusst, die sie nutzen. Eine von Diskriminierungs- und Machtstrukturen durchzogene Gesellschaft bringt also Technologien hervor, die diese Strukturen ebenfalls in sich tragen. 
Um diese Korrelation deutlicher zu machen, lässt sich das Beispiel der künstlichen Intelligenz „Tay“ heranziehen. Der von Microsoft entwickelte Chatbot wurde so designt, dass er von Gesprächen mit User_innen lernte und sich daraus konstituierte. 2016 verfasste die KI via Twitter eigenständig Tweets, die immer sexistischer, rassistischer, antisemitischer und queerfeindlicher wurden.4 Das zeigt, wie tief Diskriminierungsstrukturen in der Gesellschaft

verwurzelt sind. „Tay“ war eine Reflexion des Verhaltens der User_innen, von denen sie lernte.Ebenso sind diese Diskriminierungsstrukturen als Kern in Online-Plattformen wie Facebook, Instagram und Twitter eingebaut. Überwiegend viele FLINTA* und BIPoC werden Opfer von Online-Gewalt und Mobbing im Internet. Sie werden belästigt sowie sexistisch und rassistisch beleidigt. Besonders Schwarze trans Frauen werden Opfer von Hass im Netz.5 Umso wichtiger werden intersektionale Praxen, die sich mit der Zukunftsgestaltung des Internets und dem Schaffen virtueller und physischer feministischer Räume auseinandersetzen.

4 Vgl. Beuth, Patrick: „Twitter-Nutzer machen Chatbot zur Rassistin“, in: Zeit Online, https://www.zeit.de/digital/internet/2016-03/microsoft-tay-chatbot-twitter-rassistisch, 24.03.2016 (abgerufen am 09.03.2023).

5 Vgl. Hicks, Mar: „Sexism is a feature, not a bug“, in: Thomas S. Mullaney (Hrsg.), Your Computer is on Fire, Cambridge, Massachusetts: The MIT Press 2021, S. 136.

Zukunftsgestaltung eines feministischen Internets

Das Internet ebenso als Raum zu verstehen, in dem wir unser Leben gestalten, wie in Offline-Räumen, ist essentiell für die Zukunftsgestaltung virtueller Räume. Bei der Zukunftsvision eines feministischen Internets geht es darum, diesen Raum aktiv und transformativ mitzugestalten, um ihn zugänglich für alle zu machen und gerecht zu gestalten. 


Feminist Internet

Dieses Ziel verfolgt auch die NGO Feminist Internet. Das Kollektiv setzt sich aus Designer_innen, Akademiker_innen und Aktivist_innen zusammen und will technologischen Ungleichheiten mit kreativer und kritischer Praxis begegnen.6 Innerhalb ihrer praktischen Projekte beziehen sie Themen wie Online Abuse, AI Bias und den Einfluss digitalen Konsums auf die Umwelt ein, aber auch, wie sich (v.a. queere und trans) Körper und Technologie überschneiden und sich politisch und sozial im Raum bewegen. Feminist Internet versucht aktiv ein intersektionales, feministisches Internet zu gestalten. Dafür wollen sie Menschen, die das Internet bauen und nutzen, ausbilden sowie Technologie, intersektionalen Feminismus und kreative Praxis zusammenbringen, um so Werkzeuge entwickeln zu können, die echte Lösungen bieten. Eines von Feminist Internet initiierten Projekte ist ihr Podcast7, in dem sie über technofeministische Themen sprechen. In ihren Gesprächen geht es immer wieder darum, Wege zu finden, das Internet zu diversifizieren und homogene Zonen und Filterblasen zu durchbrechen. Der Podcast strebt an, diese Räume nicht nur sichtbar zu machen, sondern sie auch auf eine inklusive Art und Weise neu zu generieren.8

Auf ihren Plattformen (vorwiegend die eigene Webseite, Instagram, Twitter und LinkedIn) teilen sie weitere Projekte, die innerhalb ihrer Initiative entstanden sind.9 Oft arbeitet Feminist Internet mit Instituten, wie dem Goethe-Institut und Universitäten zusammen. Im Rahmen des Referats konnte lediglich eine Auswahl ihrer Projekte vorgestellt werden. 

Das Projekt „Designing an Ecological Alexa” entstand aus einer Zusammenarbeit zwischen dem IMPAKT Festival und Feminist Internet. Das Event beschäftigte sich mit dem Einfluss von Technologie auf die Umwelt.10 „Queering Voice AI: Syb” ist eine künstliche Intelligenz, die von trans und nicht binären Menschen entwickelt wurde. Das Ziel ist es, trans und nicht binäre Personen über Medien miteinander in Verbindung zu bringen. Feminist Internet-Mitbegründer_in Andrew Mallinson und AI Ethics Researcher_in Cami Rincòn leiteten die Umsetzung. Auch das Projekt „Envisions” wurde von Mallinson geleitet. Es beschäftigt sich mit der Frage, welche Rolle junge Menschen dabei spielen, die Zukunft von KIs zu gestalten und wie sie diese Technologie in ihr Leben integrieren werden. „Maru”11 ist ein Anti-Harassment Chatbot, der Betroffene mit Ressourcen und Ratschlägen von globalen Expert_innen und Aktivist_innen versorgt. Der Chatbot ist Teil der Kampagne #FreeToBeOnline der Organisation Plan International. Auch Filme werden als Feminist Internet-Projekte umgesetzt. Der 2022 von der Künstlerin Ama Ogwo produzierte Film „Memestrilism”12 zeigt, wie Rassismus eine neue, aber bekannte Form im digitalen Zeitalter angenommen hat. Eine weitere videografische Umsetzung stellt der Film „Antisemitism & the Internet“13 dar.  Der von Andrew Mallinson und Conor Rigby kreierte Film beschäftigt sich mit antisemitischer Hatespeech im Internet. Die filmische Auseinandersetzung soll zeigen, wie sich Antisemitismus online erkennen lässt. Dabei soll der Film helfen zu verstehen, mit welchen Problemen die jüdische Community online sowie offline zu kämpfen hat. „Tomorrows Nipple”14 ist ein im Jahr 2018 entstandener Film von Mallinson und Rigby, der sich mit der online stattfindenden Körperpolitik und Körperzensur auseinandersetzt. Beispielsweise damit, dass weiblich gelesene Nippel auf Instagram zensiert werden, männliche gelesene Nippel hingegen nicht.

Neben diesen künstlerisch aktivistischen Projekten veröffentlichte Feminist Internet 2020 eine Publikation, „The Recode“, die Menschen, Objekten und Ideen zeigt, die das Internet zu einem inklusiveren Raum machen können. Des Weiteren bietet das Kollektiv vom 07. bis zum 10. Februar 2023 den 1-wöchigen Kurs „Rendering Utopias“15 an. Ziel ist es, ein neues, inklusiveres Modell für die Zukunft zu schaffen, indem die Beziehung zwischen Technologie und Mensch untersucht wird. Die Frage, welche Rolle Technologie in unserem Leben einnimmt, ist dabei essentiell. Dabei werden sowohl kritische Aspekte von Technologien betrachtet als auch ihre Revolutions-Potenziale untersucht. Nach Absolvieren des Kurses sollen folgende Fähigkeiten erlernt werden: Critical Design Thinking, Partizipatorisches Design, queere und feministische Prinzipien von Technologie, nachhaltige Designpraxis und KI-Kenntnisse.

6 Vgl. Feminist Internet, www.feministinternet.com (abgerufen am 09.03.2023).

7 Vgl. Somerset House Studios, „The Feminist Internet Podcast“, www.somersethouse.org.uk/blog/feminist-internet-podcast (abgerufen am 09.03.2023).

8 Vgl. Ebd.

9 Vgl. Feminist Internet, www.feministinternet.com (abgerufen am 09.03.2023), siehe außerdem Anlage: Referatspräsentation, S. 5-9.

10 Vgl. IMPAKT NL: „Designing an Exological Alexa | IMPAKT Event“, 21.10.2019, [YouTube] https://www.youtube.com/watch?v=6l68aoWY4M0&t=1603s (abgerufen am 09.03.2023).

11 Vgl. Feminist Internet und Plan International: Maru Chatbot, about.maruchatbot.co, 2020 (abgerufen am 09.03.2023).

12 Vgl. Feminist Internet: „Memestrilism“, www.feministinternet.com/memestrilism, 2022 (abgerufen am 09.03.2023).

13 Vgl. Feminist Internet, Antisemitism & the Internet“, www.feministinternet.com/antisemitism-the-internet, 2021 (abgerufen am 09.03.2023).

14 Mallinson, Andrew und Rigby, Conor, „Tomorrow’s Nipple“, [Vimeo] https://vimeo.com/269197980, 2018, (abgerufen am 09.03.2023).

15 Broschüre zu „Rendering Utopias“, https://drive.google.com/file/d/1kvdWUbt4qybNiJojl3ZZWU5-Ugm19nau/view, 2023, zur Verfügung gestellt vom UAL Creative Computing Institute (abgerufen am 09.03.2023).

Die feministischen Prinzipien des Internets

Ein weiteres Projekt, dass die Zukunft des Internets mitgestalten will – und zwar auf eine intersektional feministische Art und Weise – sind die feministischen Prinzipien des Internets.16 Die Forderung: „Ein Internet, das die Diskriminierung, die es hervorruft und verstärkt, eingesteht und daran arbeitet, sie zu beenden. Ein Internet, das sich auf die Menschen konzentriert, ihre Realitäten und Verschiedenheiten.“17

2014 lud die Association for Progressive Communication (APC) 50 Aktivist_innen, primär aus dem globalen Süden, nach Malaysia ein. Am Prozess sind inzwischen über 100 Frauen und queere Menschen sowie intersektional feministische Bewegungen und Menschenrechts- und Internetbewegungen beteiligt. Nach mehreren Treffen und einem Diskussionsprozess, der über mehrere Jahre geführt wurde, wurden diese 17 Prinzipien verfasst:  1) Zugang zum Internet, 2) Zugang zu Information, 3) Gebrauch von Technik, 4) Widerstand, 5) Aufbau einer Bewegung, 6) Internet Governance, 7) Alternative Ökonomien, 8) Freie und Open Source Software, 9) Stärkung des feministischen Diskurses, 10) Meinungsfreiheit, 11) Pornografie und ‚bedenkliche Inhalte‘, 12) Einwilligung, 13) Privatsphäre und Daten, 14) Speicher und Erinnerung, 15) Anonymität, 16) Kinder und Jugendliche und 17) Online-Gewalt.


Die Prinzipien appellieren daran, Zugänge, solidarische Ökonomien, informationelle Selbstbestimmung sowie sexuelle Selbstbestimmung und Gerechtigkeit für alle im Internet zu schaffen. Das vierte Prinzip ‚Widerstand‘ beispielsweise richtet sich – wie alle anderen Prinzipien auch – gegen das Patriarchat und fordert dazu auf, auch im Internet Widerstand gegen vorherrschende Machtverhältnisse zu leisten. Das Ziel aller Prinzipien ist es „[…] die transformative Kraft des Internets und der Technologie zu stärken; ein offener Aufruf für ein Internet der Rechte, des Vergnügens und der sozialen Gerechtigkeit.“18

Sowohl die feministischen Prinzipien des Internets als auch die anderen im Referat vorgestellten Projekte begründen sich aus cyberfeministischen Ideen bzw. dem Technofeminismus, der im nächsten Kapitel näher beleuchtet wird. Wie die meisten technofeministischen Projekte werden auch diese Prinzipien nicht als vollendet betrachtet. Alle Interessierten werden dazu eingeladen über die Prinzipien zu diskutieren, sie zu übersetzen, zu verbreiten und sie selbst zu leben. 19

16 Feminist Principles of the Internet, www.feministinternet.org (abgerufen am 09.03.2023). Vergleiche außerdem die deutsche Übersetzung der Prinzipien in: Sollfrank, Cornelia: Die schönen Kriegerinnen. Technofeministische Praxis im 21. Jahrhundert, Wien: transversal, 2018, S. 123 ff.

17 Sollfrank, Cornelia: Die schönen Kriegerinnen. Technofeministische Praxis im 21. Jahrhundert, Wien: transversal, 2018, S. 116.

18  Ebd.

19 Vgl. ebd., S. 25.

Gender not found: Technofeministische Praxis

Innerhalb der technofeministischen Praxis sind vor allem kritische, spekulative und queere Positionen vertreten, die das kodierte Verhältnis von Geschlecht und Technik hinterfragen. Der Technofeminismus ist aus dem Cyberfeminismus hervorgegangen, der Anfang der 1990er entstand, als das Internet gerade erst begann sich in die Gesellschaft zu etablieren. Damals entfachen die neuen Bedingungen digitaler Vernetzung die Hoffnung, dass das Internet neue Möglichkeiten hervorbringen würde, Geschlechterdifferenzen aufzuheben und „[…] damit eine neue, intime Beziehung zwischen Frauen und Technologie zu beschwören“20. Ende der 1990er Jahre mussten optimistische Stimmen feststellen, dass ihre feministischen techno-utopischen Visionen21 nicht zu erreichen waren, weshalb sich die cyberfeministische Bewegung mit der Zeit auflöste. Mit dem Aufkommen neuer digitaler Herausforderungen, wie zum Beispiel Hass im Netz, entstand schließlich der Post-Cyberfeminismus, der nicht mehr lediglich das Potenzial des Internets erkannte, sondern es gleichzeitig problematisierte. Die Künstlerin und Pionierin der Netzkunst Cornelia Sollfrank zählt zu den Mitbegründerinnen des Cyberfeminismus, lehnt jedoch sowohl diesen Begriff als auch den des Post-Cyberfeminismus heute ab, weil diese historisch zu sehr an Utopien der 90er angebunden seien bzw. die Vorsilbe ‚post‘ aktuellen Diskursen um dem Verhältnis von Gender und Technologie nicht gerecht werde.22 Stattdessen bevorzugt sie den Begriff ‚Technofeminismus‘, um sich von der techno-optimistischen Sicht und dem pluralistischen Cyberfeminismus abzugrenzen sowie erweiterte Denk- und Handlungsansätze einzubeziehen und damit auf neue Formen von Diskriminierung und Ausbeutung zu reagieren.

20  Ebd., S. 11.

21 Vgl. Sollfrank, Cornelia: Die schönen Kriegerinnen. Technofeministische Praxis im 21. Jahrhundert, Wien: transversal, 2018, S. 12.

22 Vgl. Halser, Marlene: „Interview zur Transmediale: ‚Ich wäre gerne ein richtig guter Troll‘“, in: taz.de, https://taz.de/Interview-zur-Transmediale/!5566843/, 31.01.2019 (abgerufen am 09.03.2023).

Das Verhältnis von Technologie und Geschlecht

Technofeminist_innen hinterfragen in ihren Praxen immer wieder das Verhältnis zwischen Technologie und Geschlecht und wie beide einander produzieren. Dabei haben bestimmte Geschlechter mehr Einfluss auf wissenschaftliche Forschung und technologische Innovationen als andere. Die technofeministische Frage, die sich an dieser Stelle stellt, ist, welche Bedeutung diese Hierarchien auf die Konstitution von Geschlecht ausüben. Als eine der wichtigsten und aktuellen Vordenkerinnen technofeministischer Positionen gilt die Naturwissenschaftshistorikerin und utopische Feministin Donna J. Haraway. Bei der Frage nach dem Verhältnis zwischen Technologie und Geschlecht wird immer wieder ihr „Cyborg Manifesto”23 zitiert. Das Konzept der Cyborg steht für die Verschmelzung, die Verqueerung alter Dichotomien, wie Natur/Kultur oder Mensch/Maschine. Mensch und Maschine können nicht einfach voneinander getrennt werden. Ebenso wenig können offline und online Räume noch klar voneinander getrennt werden, weil ein großer Teil von Lebensrealitäten im Internet stattfindet. Dabei geht es Haraway nicht darum, Geschlechterkategorien abzuschaffen, sondern vielmehr darum, sie irrelevant zu machen.

Technofeministische (Widerstands-)Praxen

Auch technofeministische Praxen stellen die Binarität von Geschlecht infrage. Sie versuchen sich jenseits dieser aufgemachten Grenzen zu positionieren, also grenzüberschreitenden Widerstand zu leisten, um so neue Formen sozialer und politischer Praxis möglich zu machen.24 Technofeminist_innen verstehen Geschlecht und Körper als Technologien, „[…] d.h. Geschlecht wird nicht als (biologische) Gegebenheit gedacht, sondern als immer wieder aufs Neue hervorgebracht.“25 Geschlecht kann also kulturell geprägt und umgestaltet werden, auch von Technofeminist_innen. Demnach lässt sich überdies digitale Technologie feministisch umcodieren. Und genau das ist das Ziel technofeministischer Praxen.26 Es werden drei Orte der Praxen festgemacht: 1) Kunstszene, akademische Lehre und Forschung (globaler Norden), 2) Politischer Aktivismus (globaler Süden) und 3) Techno-Underground.27 

23 Vgl. Haraway, Donna J.: „Ein Manifest für Cyborgs“, in: Simians, Cyborgs and Women: The Reinvention of Nature, New York: Routledge, 1991, S.149–181.

24 Vgl. Sollfrank, Cornelia: Die schönen Kriegerinnen. Technofeministische Praxis im 21. Jahrhundert, Wien: transversal, 2018, S. 38.

25  Ebd., S. 19.

26 Vgl. ebd.

27 Vgl. ebd., S. 9.

Feministisches Hacking

Feministisches Hacking ist eine transformative Widerstandspraxis, die neue Räume kreiert, in denen sich marginalisierte Gruppen solidarisieren und gemeinsam handeln können. ‚Hacken‘ ist hier nicht nur im klassischen Sinne gemeint, wie zum Beispiel, sich in ein System ‚reinzuhacken‘. Hacken heißt auch, mit unkonventionellen Mitteln eine technische Lösung zu finden.28 Innerhalb ihrer Praxen richten sich feministische Hacker_innen gegen Machtstrukturen, Patriarchat und kapitalistische Ausbeutung.Feministische Hacker_innen „[b]ewirken soziale Veränderung dadurch, dass sie Sexismus, Gewalt im Netz und andere Formen der Diskriminierung gemeinsam bekämpfen.”29 Um diese Transformation zu erreichen, schaffen sie neue Räume, in denen ihre Werte repräsentiert sind und in denen neue Praxen entstehen können. Es geht ihnen nicht darum, Technologie vollständig zu beherrschen oder zu kontrollieren (das würden sie einer männlichen Haltung zuschreiben)30, sondern Technik zu meistern und Bedingungen zu schaffen, die ein feministisches Internet in der Zukunft ermöglichen. Feministische Hacker_innen halten Technologien und damit auch das Internet nicht für neutral, sondern äußerst politisch.31 Sollfrank beschreibt die Praxis feministischer Hacker_innen wie folgt:

„Durch die Förderung einer anderen Art der Nutzung von Technologie, nämlich feministisch und im Widerstand gegen Patriarchat und kapitalistische Ausbeutung, schlagen feministische Hacker_innen eine echte Alternative zum Status quo vor und praktizieren so einen einzigartigen Ansatz.“32

Feministische Hacker_innen kommen für ihre Praxis häufig in feministischen Hackspaces zusammen.

28 Vgl. Coleman, Gabriella: „Hackers“, S. 1, in The Johns Hopkins Encyclopedia of Digital Textuality, 2014, http://gabriellacoleman.org/wp-content/uploads/2013/04/Coleman-Hacker-John-Hopkins-2013-Final.pdf.

29 Sollfrank, Cornelia: Die schönen Kriegerinnen. Technofeministische Praxis im 21. Jahrhundert, Wien: transversal, 2018, S. 55.

30  Vgl. ebd.

31 Vgl. Winner, Langdon: „Do artifacts have politics“, Daedelus, Jg. 109, 1980, Nr. 1, S. 121-136.

32 Vgl. Sollfrank, Cornelia: Die schönen Kriegerinnen. Technofeministische Praxis im 21. Jahrhundert, Wien: transversal, 2018, S. 45.

Feministische Hackspaces
Ein feministischer Hackspace ist ein Raum, wo sich marginalisierte Gruppen, beispielsweise queere und trans Frauen, treffen können, um aus intersektionaler Perspektive über feministisches Hacking zu diskutieren und Workshops zu organisieren. Workshop-Themen sind beispielsweise feministische Verschlüsselung (femcrypts), ‚Jailbreaking‘ von Mobiltelefonen oder gegenseitige Hilfe beim Einsatz von freier Hard- und Software.33 Um den Unterschied zwischen feministischen und traditionellen Hackspaces zu verdeutlichen, hilft eine Gegenüberstellung34 von Charakteristika und Ansprüchen beider Räume:

Feministische HackspacesTraditionelle Hackspaces
Anspruch an IntersektionalitätKaum People of Color oder FLINTA*
Safer Space: legen genau fest, wer sich an ihren Aktivitäten beteiligen darf, um Wohlbefinden in sichereren emanzipatorischen Räumen zu schaffenOpen Space: Akteur_innen werden nicht vorher ausgewählt
Care-Ethik: Fürsorge (care) und Wohlbefinden stehen im Mittelpunkt; unterstützen sich emotional und psychisch untereinander (z.B. im Umgang mit Belästigungen)Keine festgelegte Ethik für das Wohlbefinden aller Beteiligten
Berücksichtigung sozialer Privilegien, da dies die eigenen Möglichkeiten als Hacker_in beeinflusstPrivilegien werden kaum berücksichtigt oder hinterfragt


Das Gender and Technology Institute (GTI) und das TransHackFeminist (THF!)-Treffen sind zwei Beispiele für solche feministischen Hackspaces. Dabei streben diese Räume häufig an, nach gewissen Prinzipien35 zu handeln: 1) Gemeinsames Handeln, 2) Politik der Sichtbarkeit, 3) Koproduktion von Wissen und Solidarität und 4) Materialität von Technologie. Demnach sollen Infrastrukturen der Macht sichtbar gemacht werden. Technologie soll feministisch, d.h. im Widerstand gegen Patriarchat und kapitalistische Ausbeutung, genutzt werden. Dabei ist Gewalt im Netz und Online-Mobbing ein oft genutzter Gegenstand technofeministischer Praxis, u.a. weil Hatespeech als Teil systemischer patriarchaler Praxis erkannt wird. Auch die Held_innen-Narrative der Tech-Branche wird kritisiert, in der ‚Tech-Expert_innen‘ im Mittelpunkt stehen und von Tech-Begeisterten gefeiert werden. Als Gegenentwurf werden das gemeinsame Handeln und transnationale Solidarität ins Zentrum der Praxen gestellt. In feministischen Hackspaces wird kollektives Lernen möglich. So sollen vor allem Tech-Neulinge lernen, in ihre technischen Fähigkeiten zu vertrauen. Auch die Auswirkungen der Technologie auf die Umwelt werden dabei sichtbar gemacht. Insbesondere die Ausbeutung weiblicher, indigener Arbeitskräfte aus dem globalen Süden, die durch die Ausbeutung natürlicher Ressourcen kolonisiert werden, werden in den Vordergrund gerückt.

33 Vgl. Sollfrank, Cornelia, Die schönen Kriegerinnen. Technofeministische Praxis im 21. Jahrhundert, Wien: transversal, 2018, S. 34.

34 Vgl. ebd., S. 41 f.

35 Vgl. Sollfrank, Cornelia, Die schönen Kriegerinnen. Technofeministische Praxis im 21. Jahrhundert, Wien: transversal, 2018, S. 44-55.

Fazit und Ausblick

Die Zukunftsvision eines feministischen Internets versucht nicht die Machtstrukturen, die dem Internet innewohnen, zu bagatellisieren, technofeministische Akteur_innen lassen sich jedoch ebenso wenig von diesen in ihrer Handlungsfähigkeit lähmen. In der praktischen Umsetzung muss das jedoch auch bedeuten, sich selbst und eigene Privilegien kritisch zu hinterfragen. Ebenso sollte reflektiert werden, wo Zugänge noch niedrigschwelliger ermöglicht werden müssen, damit sich alle solidarisch und kollektiv an der Gestaltung eines feministischen Internets beteiligen können.

unlearn technologie

Die Ingenieurin Kenza Ait Si Abbou macht deutlich, dass es alle Menschen braucht, um die Zukunft des Internets mitzugestalten.36 Zum einen brauche es Tech-Frauen: „Wer Zukunft gestalten will, muss Technologie verstehen. Am besten muss frau die Technologie selbst bauen. Wird eine Technologie nicht divers gebaut, kann sie nur einseitige Bedürfnisse befriedigen.“37 Ait Si Abbou betont, dass es wichtig ist, dass Frauen bereits in den Entwicklungsprozessen von Maschinen, KIs und anderen technologischen Projekten und Systemen Teil der Teams sind, damit ihre Bedürfnisse berücksichtigt werden und nicht vorwiegend die einer homogenen, cis-heteronormativen Gruppe, wie es bislang der Fall ist. An dieser Stelle sei zu ergänzen, dass es ebenso wichtig ist, andere marginalisierte Gruppen an diesen Prozessen teilhaben zu lassen. So könnte eine Zukunft gestaltet werden, die ein gutes Leben für alle ermöglicht. Interdisziplinarität ist nach Ait Si Abbou ebenso von Bedeutung. Nicht-Tech-Frauen, beispielsweise aus der Soziologie und Psychologie, sollten in technofeministische Praxen mit einbezogen werden, um mit ihren Perspektiven Gestaltungsprozesse zu ergänzen.38 Alle Akteur_innen im Netz können Einfluss auf die Zukunft des Internets nehmen, weil sie gleichzeitig Konsument_innen sind.39

Technofeministische Praxen der Zukunftsgestaltung behandeln aktuelle Zukunftsfragen und gestalten die Vision eines feministischen Internets aktiv mit. Die Bewegung ist zwar jung, dennoch existiert bereits weitreichende Literatur zu cyberfeministischen und technofeministischen Auseinandersetzungen. Die Designerin Mindy Seu hat einen Cyberfeminist Index40 angelegt, welcher weiterführende Literatur von ca. 1990 bis heute mit nahezu 700 Einträgen verzeichnet, auf den an dieser Stelle hinzuweisen ist.

36 Sollfrank, Cornelia, Die schönen Kriegerinnen. Technofeministische Praxis im 21. Jahrhundert, Wien: transversal, 2018, S. 262 ff.

37 Ait Si Abbou, Kenza: „unlearn technologie”, in: unlearn patriarchy, Berlin: Ullstein, 2022, S. 258.

38 Vgl. ebd., S. 267.

39 Vgl. ebd., S. 269 f.

40 Siehe Seu, Mindy: „Cyberfeminist Index (~1990s-present)“, https://docs.google.com/spreadsheets/d/1q_ZlbZhstBTfnZL4QP11ebivXgsvrf8shuG-QX146nw/edit#gid=1949020646 (abgerufen am 09.03.2023).

Diskussion

Für die Diskussion im Anschluss des Referates sollte sich das Plenum mit folgenden Fragen auseinandersetzen: „Wie sieht ein feministisches Internet für dich aus?“, „Wie kann das Internet außerdem feministisch genutzt werden? Was übersieht die Vision eines feministischen Internets?“, „Was hat dir an den Projekten aus der Praxis gefehlt? Gab es Widersprüche? Welche Projekte fandest du besonders spannend?“. Dabei sind einige Diskussionspunkte zusammengekommen, die sich über das Referat hinaus untersuchen ließen.

Im Zuge der Frage nach der Gestaltung eines feministischen Internets kam die Frage auf, wie im Vergleich dazu eine feministische Welt aussehen könnte und ob diese nicht lediglich eine utopische Zukunftsvision sei, die sich nicht realisieren lasse. Auch der Rahmen und Bedingungen eines feministischen Internets wurden diskutiert. Algorithmen würden lediglich Sexismus reproduzieren, man bediene sich bei der Gestaltung eines feministischen Internets also eigentlich an einem Werkzeug, das auf Diskriminierung ausgelegt ist, während man es gleichzeitig bekämpfen möchte. 

Es wurde zusätzlich angemerkt, dass bei feministischen Hackspaces die Gefahr bestehe, dass Verantwortung auf FLINTA* abgewälzt würde (wie häufig bei feministischen Kämpfen) und inwiefern cis Männer in die Verantwortung gezogen werden können. Gleichzeitig wurde der Begriff des Hackens kritisiert, indem ihm eine abschreckende Wirkung zugewiesen wurde, der suggeriere, dass der Raum lediglich für Menschen mit Tech-Erfahrung zur Verfügung stehe.

Zudem wiesen Menschen aus dem Plenum darauf hin, dass Forschungsgegenstände aus dem Postwachstum in der Diskussion fehlen würden: Wie könnten bereits bestehende Infrastrukturen zerstört und in Richtung Postwachstum transformiert werden? 


Literaturverzeichnis

Ait Si Abbou, Kenza: „unlearn technologie”, in: Jaspers, Lisa (Hrsg.) et al, unlearn patriarchy, Berlin: Ullstein 2022, S. 252-270

Beuth, Patrick: „Twitter-Nutzer machen Chatbot zur Rassistin“, in: Zeit Online, https://www.zeit.de/digital/internet/2016-03/microsoft-tay-chatbot-twitter-rassistisch, 24.03.2016 (abgerufen am 09.03.2023)

Coleman, Gabriella: „Hackers“, S. 1, The Johns Hopkins Encyclopedia of Digital Textuality, 2014, http://gabriellacoleman.org/wp-content/uploads/2013/04/Coleman-Hacker-John-Hopkins-2013-Final.pdf

Feminist Internet: www.feministinternet.com (abgerufen am 09.03.2023) 

Feminist Principles of the Internet: www.feministinternet.org (abgerufen am 09.03.2023)

Halser, Marlene: „Interview zur Transmediale: ‚Ich wäre gerne ein richtig guter Troll‘“, in: taz.de, www.taz.de/Interview-zur-Transmediale/!5566843, 31.01.2019 (abgerufen am 09.03.2023)

Haraway, Donna J.: „Ein Manifest für Cyborgs“, in: Simians, Cyborgs and Women: The Reinvention of Nature, New York: Routledge, 1991, S.149–181

Hicks, Mar: „Sexism is a feature, not a bug“, in: Thomas S. Mullaney (Hrsg.), Your Computer is on Fire, Cambridge, Massachusetts: The MIT Press 2021, S. 135-158

IMPAKT NL: „Designing an Exological Alexa | IMPAKT Event“, 21.10.2019, [YouTube] https://www.youtube.com/watch?v=6l68aoWY4M0&t=1603s (abgerufen am 09.03.2023)

„Rendering Utopias“, [Online-Broschüre] https://drive.google.com/file/d/1kvdWUbt4qybNiJ
ojl3ZZWU5-Ugm19nau/view, 2023, zur Verfügung gestellt vom UAL Creative Computing Institute (abgerufen am 09.03.2023)

Seu, Mindy: „Cyberfeminist Index (~1990s-present)“, [GoogleDoc] https://docs.google.com/spreadsheets/d/1q_ZlbZhstBTfnZL4QP11ebivXgsvrf8shuG-QX146nw/edit#gid=1949020646 (abgerufen am 09.03.2023)

Sollfrank, Cornelia: Die schönen Kriegerinnen. Technofeministische Praxis im 21. Jahrhundert, Wien: transversal, 2018

Somerset House Studios: „The Feminist Internet Podcast“, www.somersethouse.org.uk/blog/feminist-internet-podcast (abgerufen am 09.03.2023)

TEDx Talks: „Designing the feminist internet | Charlotte Webb | TEDxBarcelonaWomen“, 05.04.2019, [YouTube] https://www.youtube.com/watch?v=ulzBi0EgcHI (abgerufen am 09.03.2023)

Winner, Langdon: „Do artifacts have politics“, Daedelus, Jg. 109, 1980, Nr. 1, S. 121-136

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

3 × 3 =