Kartoffelkunst gegen den Klimawandel

Eine Suche nach transformativen Ansätzen in der Klimakunst

Von Eliana Djubiray Helmholz und Julia Hellert

Die Bewältigung der Klimakrise ist eine zentrale Aufgabe unserer Zeit. Es ist heute wissenschaftlich unumstritten, dass der Klimawandel existiert, dass er menschengemacht ist, dass er gefährlich ist und dass durchaus noch etwas getan werden kann, um seine Folgen zumindest abzumildern. Eine Erwärmung der globalen Mitteltemperatur um mehr als 1,5 Grad wird dramatische Folgen haben, welche auch schon heute in vielen Teilen der Welt – und auch in Deutschland – spürbar sind.
Allerdings werden sie oft nicht als solche wahrgenommen, wodurch auch die Wahrnehmung der individuellen Handlungsfähigkeit und des Handlungsdrucks fehlt. Dies ist problematisch, weil ein drastisches Umdenken in allen Lebensbereichen notwendig ist, um extremere Katastrophen zu verhindern.
Der isländische Literaturwissenschaftler Andri Snaer Magnason [2020] erklärt das fehlende Bewusstsein für den Handlungsdruck dadurch, dass Wörter wie „Gletscherschmelze” und “Versauerung der Meere” zwar gehört, jedoch nicht begriffen werden. Denn “bei Themen, die das gesamte Wasser auf der Erde, die gesamte Erdoberfläche und die gesamte Atmosphäre betreffen, erreicht man eine Dimension, die jegliche Bedeutung aufsaugt.”
Daher kann es Menschen schwer fallen, einen persönlichen Bezug zur Klimakrise aufzubauen und zu verstehen, dass sie selbst nicht nur zu dem Problem beitragen, sondern auch persönlich davon betroffen sind.
Die Klimakrise umfasst als dringende und existenzielle Menschheitskrise alle gesellschaftlichen Bereiche. Folglich kann sich auch die Kunst und Kunstwelt dieser Thematik nicht entziehen. Kann die Kunst die Menschen emotional berühren und erreichen, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse und journalistische Berichterstattung dies nicht zu vermögen scheinen? Können künstlerische Arbeiten bereits einzelne transformative Aspekte enthalten, die benötigt werden, um der Klimakrise zu begegnen?
Kunst besitzt – insbesondere gegenüber Journalismus und Wissenschaft – den großen und strukturellen Vorteil, dass sie sich gerade dadurch auszeichnet, immer wieder gesellschaftlich tradierte Konventionen zu hinterfragen und Grenzen zu überschreiten. Künstlerische Arbeiten, die sich im weitesten Sinne mit der Klimakrise beschäftigen, können unter dem Begriff “Klimakunst” gefasst werden. Doch viele Künstler:innen beschränken sich darauf, eine “Bildsprache der apokalyptischen Erhabenheit” [Staud, 2016; siehe auch Nurmis, 2016] zu bedienen und die heute schon sichtbaren Folgen der Klimakrise lediglich als Material für ihre Kunst zu nutzen. Arbeiten wie die Videoarbeit “Feuer mit Feuer” des deutschen Künstlers Julius von Bismarck [2020], in welcher er sich mit der Ästhetik von australischen Waldbränden auseinandersetzt, können einen Diskurs eröffnen, sind jedoch kein ausreichender Beitrag zu der notwendigen Transformation. Doch das Potenzial der Klimakunst liegt gerade darin, neue Denkräume zu eröffnen und Transformation dadurch überhaupt erst vorstellbar werden zu lassen.
Im Rahmen ihrer Bachelorarbeit hat sich Eliana D. Helmholz [2021] mit transformativen Ansätzen in der Klimakunst beschäftigt und sich intensiv mit der schwedischen Künstlerin Åsa Sonjasdotter auseinandergesetzt.
In ihren Arbeiten beschäftigt sich Sonjasdotter [2019] unter anderem mit Narrativen und Erzählungen der europäischen Kultur durch die Betrachtung der Kulturpflanze Kartoffel. Sie untersucht dabei die Beziehung zwischen Menschen und Pflanzen. Von Generation zu Generation (sowohl die der Pflanzen, als auch der Menschen) werden die Pflanzen angebaut und gezüchtet. Wissen und Erfahrungen der Menschen zu Anbaumethoden und der Pflanzen in Form von Anpassungen an klimatische Verhältnisse, Temperaturen oder Bodenzusammensetzungen werden dabei in den Pflanzen und deren Saatgut gespeichert und weitergegeben. Sonjasdotters Recherchen zeigen eine Verbindung zwischen Landwirtschaft, Landnahme (bis hin zum Kolonialismus), der Unfruchtbarwerdung des Bodens in Europa und Unterdrückung sowie Herrschaftsstrukturen und Gewalt auf. Mit ihrer Arbeit stellt sie nicht nur die konventionelle Landwirtschaft und Monokulturen in Frage, sie stellt auch eine Wissens- und Machtfrage. Anders als die wenigen zugelassenen, kommerziellen Sorten gehören die vielen alten Sorten zum Allgemeingut, vergleichbar etwa mit Volksliedern.


Ihre Forschungen setzt Sonjasdotter für Kunstausstellungen in ganz unterschiedliche konzeptuelle Arbeiten um. 2009 verwandelte sie die Ausstellungsräume des Kunstzentrums DenFrie in Kopenhagen in eine Handelsplattform für alte Kartoffelsorten. Auf Europaletten waren unterschiedliche in der EU für den kommerziellen Vertrieb nicht zugelassene Kartoffelsorten deponiert. Die Besucher:innen konnten diese in Papiertüten mitnehmen und wurden dazu aufgefordert, die Kartoffeln selbst anzubauen, sie weiter zu geben, zu tauschen oder einfach zu essen. Auf diese Weise hat Sonjasdotter mit ihrer Ausstellung dazu beigetragen, dass alte Sorten und altes Wissen wieder in Umlauf gelangen und so die Sortenvielfalt erhalten bleibt, die für eine Anpassung an klimatische Veränderungen dringend notwendig ist.

Bei Sonjasdotter lassen sich auf vielen Ebenen Parallelen zu fast allen Aspekten von Transformationsebenen und -strategien nach Schmelzer und Vetter [2019] entdecken: Mit dem Verbreiten von Saatkartoffeln, welche in der EU nicht zugelassen sind, kritisiert sie vorhandene Gesetze und eröffnet ein Nowtopia, in dem diese Kartoffelsortenvielfalt existieren darf. Diese ist bei Sonjasdotter nicht nur Teil der Menschheitsgeschichte und Kultur, sondern auch zentral für die Chance dieser Pflanzen, sich an veränderte Umweltbedingungen anpassen zu können und somit gerade in Zeiten der Klimakrise von großer Bedeutung. Im weitesten Sinne kann die Perspektive der Kartoffeln und eine Rückbesinnung auf unsere Geschichte auch eine Veränderung unserer Kultur anstoßen und zu einem veränderten Umgang mit diesem Gemüse führen, wenn wir sie als Kulturgut betrachten. Mit ihrer Arbeit bietet Sonjasdotter eine konkrete Lösung an und schafft dabei eine Gegenhegemonie zu konventioneller Landwirtschaft, dem Umgang mit Kulturpflanzen wie der Kartoffel sowie den gängigen Narrativen unserer europäischen Geschichte.

Sonjasdotters Arbeit ist ein Beispiel, wie Klimakunst in einer Nische im Kleinen Lösungen aufzeigen kann, welche nicht abstrakt sondern jedem Menschen zugänglich sind. Dadurch, dass die Menschheitsgeschichte mit bekannten Dingen aus der Natur verbunden wird, können die Inhalte sprichwörtlich besser begriffen werden. Die Kartoffel wird von uns angefasst, gegessen und ist im Alltag präsent. In vielen Berichten, Darstellungen oder auch Kunst zur Klimakrise stehen die Probleme im Vordergrund, was Angst erzeugen und Handlungen blockieren kann. Bei Künstler:innen wie Sonjasdotter ist dies nicht der Fall. Im Gegenteil, eine Transformation hin zu einer klimaneutralen Lebensweise scheint einfach und dadurch möglich. Durch Kunst kann man sich seiner Selbstwirksamkeit und Verbundenheit mit der Natur bewusster werden und Mut sowie positive Kraft für aktive Taten schöpfen. Durch diesen wichtigen Hebel führt Klimakunst ins Handeln für eine Transformation, die dringend benötigt wird und ist damit zugleich bereits Teil einer solchen.

Quellen:

[Bismarck, 2020]: Julius von Bismarck, “Feuer mit Feuer / Fire with Fire”, Videoarbeit

[Helmholz, 2021]: Eliana Djubiray Helmholz, “Kimakunst und Transformation Design – Eine kartierende Auseinandersetzung mit ausgewählten künstlerischen Arbeiten”, Bachelorarbeit, Hochschule für Bildende Künste Braunschweig

[Magnason, 2020]: Andri Snaer Magnason, “Wasser und Zeit, Eine Geschichte unserer Zukunft”, Insel Verlag, deutsche Ausgabe, S. 11-12

[Nurmis, 2016]: Joanna Nurmis, “Visual climate change art. 2005-2015: discourse and practice.” In: WIREs Climate Change. Volume 7, issue 4, 2016, S. 501-516.

[Schmelzer/Vetter, 2019]: Matthias Schmelzer/ Andrea Vetter, “Degrowth/Postwachstum zur Einführung”, Junius Verlag, S. 206-228

[Sonjasdotter, 2019]: Åsa Sonjasdotter, “Peace with the Earth. Tracing Agricultural Memory – Refiguring Practice”, Archive Books

[Staud, 2016]: Toralf Staud zitiert Joanna Nurmis, Was ist „Klimawandelkunst“? Und was kann sie erreichen? In: klimafakten.de www.klimafakten.de/meldung/was-istklimawandelkunst-und-was-kann-sie-erreichen

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