“Ich wünsche mir einen lebensweltlichen Umgang mit dem Thema Sterben.”

Interview von Barbara Haßmann

 Bildquelle: https://www.zhdk.ch/person/prof-bitten-stetter-115452

 “Ich wünsche mir einen lebensweltlichen Umgang mit dem Thema Sterben.” 

Jegliche Phase unseres Lebens wird gestaltet. Von der Geburt über unsere Jugend bis hin zu Phasen als best oder silver ager. Auch für den Tod scheint es viele Entwürfe zu geben. So kann ich zwischen verschiedenen Bestattungsformen wählen, es gibt den Leichenschmaus als eine Art Ritual und ich kann inzwischen sogar in digitalen Trauerforen Abschied nehmen. Doch was ist mit der Phase vor dem Tod? Dem Sterben. Die Designerin und Trendforscherin Bitten Stetter widmet sich diesem Thema. Die gelernte Modedesignerin forscht und lehrt an der Zürcher Hochschule der Künste. Aktuell befasst sie sich mit dem Thema Tod und Design im Zeitalter des demografischen Wandels und der digitalen Transformation. Unter dem Forschungsschwerpunkt Care Futures untersucht sie Lebensstile am Lebensende. Ich traf sie online auf ein Gespräch über das Sterben, wobei sie sich gerade auf dem ‚Hallo Tod‘-Festival in Zürich aufhielt – ein interdisziplinär aufgebautes Festival, das sich mit einem vielfältigen Angebot dem Thema Tod und Sterben widmet. 

Bitten Stetter widmet sich dem Thema Tod und Sterben. 




Barbara Haßmann: Frau Stetter, wo sind sie gerade? Was ist das ‚Hallo Tod‘-Festival?

Bitten Stetter: Das ‚Hallo Tod‘-Festival findet das erste mal in Zürich statt. Letzten Herbst wurde in einem Call for Project dazu aufgerufen, Ideen und Projekte, die sich mit dem Lebensende und dem ‚Danach‘ auseinandersetzen, einzureichen. Dabei sind wir eigentlich ziemlich überrannt worden. Insgesamt gab es 127 Anfragen. Es findet jetzt vorwiegend an drei Standorten in Zürich statt. Ich kann gar nicht so viel darüber sagen, waeil ich selbst an meine Ausstellung hier gebunden bin und mir jetzt gar nicht viel angucken konnte. Es gibt Video Walks über den Friedhof, Podcasts, künstlerische Beiträge, aber auch Designbeiträge.

BH: Was können die Besucher:innen bei Ihrer Ausstellung erleben?

BS: Die können bei mir TRAVEL WEAR erleben. TRAVEL WEAR ist meine erste Kollektion, die aus meiner Forschung heraus entstanden ist. Sie basiert eigentlich auf dem Pflegehemd, ist aber so gestaltet, dass es nicht nur die letzte Phase im Leben betrachtet, sondern die Gesundheit als Reise versteht. Man kann es auf verschiedene Arten tragen. Als Kleid, als Kimono und eben als Pflegehemd. Es hat alle Funktionen eines bestehenden Pflegehemdes, aber ich habe auch Kontrolle über meinen Popo und es hat Taschen. Es wird sozusagen als Reisebegleiter verstanden. Ich habe hier auf dem Festival den ersten Produktlaunch und es ist Teil einer größeren Serie von Designprodukten, die den Lebensraum Bett ins Visier nehmen

BH: Sie kommen ursprünglich ja auch aus dem Modedesign…


Auszüge der Kollektion TRAVEL WEAR
Fotos: Mina Monsef

„Ich glaube, je früher wir uns damit auseinandersetzen, desto selbstbestimmter können wir sterben.“ 

BS: Genau, davon möchte ich mich eigentlich verabschieden. Durch die Forschung bin ich aber wieder zu einem Teil der Mode zurückgekommen. Ich arbeite auch für andere Produktserien die aus Keramik, Metall und Papier bestehen.

BH: Wie ist Ihre Auseinandersetzung mit dem Thema Sterben? Wie sehen Sie das Verhältnis unserer Gesellschaft in Bezug auf das Thema?

BS: Es ist interessant zu beobachten, dass wir eigentlich eine Offenheit und eine Individualisierung im post mortem1 entwickeln. Wir können inzwischen nachhaltige Urnen kaufen, wir können uns in tausend verschiedenen Varianten bestatten lassen und so weiter. Digitalisierung und andere Megatrends gehen da stark rein. 

Dennoch hat meine Arbeit eigentlich ergeben, dass das ‚Davor‘ weniger betrachtet wird, also die Lebensphase. Das ist, denke ich wichtig, denn es ist ja kein Ereignis, dass wir sterben. Meistens ist es ein Prozess und eine Phase unseres Lebens, die bisher relativ wenig gestalterische Betrachtung bekommen hat und das versucht meine Arbeit zu verändern. 

Also, ich würde sagen, wenn wir über Tabuisierung und Enttabuisierung des Todes sprechen, dann muss man ganz klar einen Unterschied zwischen prae mortem2 und post mortem machen. Das Verhältnis zu prae mortem zeigt, dass wir eigentlich an einer Lebensverlängerung arbeiten.

Diese führt, ich möchte nicht sagen zu einer Verdrängung, aber zu einer Verschiebung in der Auseinandersetzung mit dem Tod. Wir fühlen uns beispielsweise mit 60 noch so wie mit 40, jetten als active ager durch die Welt und springen an Stränden herum – da passt die Endlichkeit nicht so gut hin. Ich glaube aber, dass da ein massiver Wandel entsteht. Durch die Generation X, die jetzt auch ins Sterbealter tritt, verändert sich das. Das ist sozusagen meine Generation, die sich jetzt, beispielsweise durch die Krankheit/Diagnose Krebs, gezwungen sieht, sich mit dem Lebensende auseinander zu setzten. Dort sind die Vorstellungen eines guten oder bewussten Sterbens etwas anderes. Da kommt dann die Spiritualität mit rein. Das sind die Yogamacher:innen, die nicht nur einen medizinischen Glauben haben und nicht nur den Körper ins Visier nehmen, sondern Körper und Geist unter dem Begriff holistic health gemeinsam denken. 

BH: Warum glauben Sie ist die Auseinandersetzung mit dem Sterben so wichtig?

BS: Weil es Teil des Lebens ist und weil wir es aktuell noch nicht verändern können. Wir sind nach wie vor sterblich, auch wenn wir einen Teil unseres Lebens digitalisieren und sozusagen unsterblich machen. Unser Körper bleibt aber weiterhin vergänglich. Ich glaube, je früher wir uns damit auseinandersetzen, desto selbstbestimmter können wir sterben. 


Das Hallo-Tod Festival fand vom 25 – 30. Mai 2021 in Zürich statt
Bildquelle: https://www.facebook.com/pg/HalloTodZuerich

Ich denke auch, dass es uns die Angst davor nehmen kann. Aktuell fürchten wir uns extrem vor dem Lebensende, nicht zuletzt aber auch, weil das Lebensende uns in der Ästhetik, in der es sich uns präsentiert, ängstigt.
Ich vermisse, dass die Individualisierung, die wir in jeder Lebenssituation haben, nicht auch in der letzten Phase erscheint. Wir denken an weiße Hemden, an Windeln, an Pflegebetten, an Plastik-Schnabeltassen 
und wir hoffen, dass uns das alles erspart bleibt und wir mit einem Fingerschnipp im Schlaf sterben.

BH: …wobei die meisten Mensch ja tatsächlich im Krankenhaus sterben und wie Sie ja auch schon sagten, ist es immer ein Prozess und in den wenigsten Fällen ein kurzes schmerzloses Ereignis. 

BS: Ja und da glaube ich, kann die Gesellschaft die Weichen stellen. Ich denke, wenn sich das ganze Ambiente und die ganze fehlende Individualisierung auch im Hospiz und auf Palliativstationen ändert, dann treiben wir die Menschen schon in ein aktives Sterben. Und das zeigen auch die Zahlen, dass immer mehr Leute das in Anspruch nehmen und das hat auch etwas damit zu tun, dass diese bisherigen Settings uns nicht mehr entsprechen.

BH: Inwiefern verändert sich das Thema Sterben und auch unser Verhältnis dazu durch Digitalisierung?

BS: Das hat mehrere Einflüsse. Einerseits erlaubt die Digitalisierung uns global zu vernetzen. Es gibt das death positive movement3, welches sich über die sozialen Medien verbreiten. Das schafft auch ein self empowerment und da geht es ja auch immer stark darum, den Tod wieder zurück ins Leben zu holen. 

Das andere, was die Digitalisierung macht, sind zum Beispiel artificial intelligence4 und die sogenannten dead bots5, und damit die Ermöglichung, dass wir mit Verstorbenen in Kontakt bleiben. Dadurch, dass wir mobil leben und unsere Eltern eventuell eh nur einmal im Jahr sehen, hat das einen großen Einfluss darauf, dass wir uns gar nicht mehr richtig verabschieden können. Es wird die Trauerkultur extrem verändern – dieser Wunsch, nach dem Tod mit der digitalen Seele in Kontakt zu bleiben. Also ich denke, das hat auf verschiedenen Ebenen extremen Einfluss, positiv wie negativ. Es ermöglicht uns beispielsweise durch Digitalisierung Care Communities zu gründen. Viele arbeiten im Care-Bereich mit Whatsapp-Gruppen und so weiter – das ist wunderbar. Es kann aber gefährlich werden, wenn uns artificial intelligence vorgegaukelt, der Verstorbene sei weiterhin mit uns in Kontakt. 

BH: Inwiefern gefährlich?

BS: Wenn wir nicht richtig Abschied nehmen können, weil wir sozusagen immer noch in einer Art, ich nenne es mal deepfake Kontakt6 mit unseren Verstorbenen sind, dann können wir auch nicht trauern. Trauer ist ein Prozess, der seine Wellen hat. Es geht nicht darum, dass wir diese Menschen vergessen, aber darum, dass wir einen Weg finden, ohne sie leben zu können. Wenn diese Menschen aber weiter irgendwie da bleiben, zum Beispiel auf irgendwelchen Social-Media-Plattformen, dann wird das schwieriger.

BH: Also ist es grundsätzlich wichtig, dass wir mehr über das Sterben sprechen, auch in früheren Phasen des Lebens? 

BS: Auf jeden Fall! Und das passiert auch und ich finde es interessant, dass eine junge Generation heranwächst, die das Bedürfnis hat, darüber zu sprechen. Das merke ich auch bei meinen Studierenden. Das hat sicherlich auch etwas damit zu tun, dass man das Thema setzt, es ist aber auch ein Interesse da, es zu bearbeiten. Ich denke, dieses ‚Nicht über das Ende sprechen wollen‘, diese Generationen sind Auslaufmodelle. 


„Design kann neue Zugänge zu tabuisierten Themen schaffen, in dem es niederschwellig (…) ist“

BH: Dann wird es vielleicht irgendwann doch kein
Tabuthema mehr sein.

BS: Genau. Trendagenturen sprechen auch von diesem new death, der durch Technologien und Innovationen gestört wird und diese Störung zwingt uns dazu, eine Haltung einzunehmen. Dass wir uns auch die Frage stellen, wie alt wollen wir werden? 
Was erwarten wir uns vom Alter? Wenn wir 120 Jahre alt werden können, dann stellt sich ja auch die Frage, wie wir diese Zeit sozial füllen können. 

BH: Inwiefern kann Design helfen, die Angst vor dem Sterben zu überwinden? Wie passen Sterben und Design zusammen?

BS: Design kann neue Zugänge zu tabuisierten Themen schaffen, in dem es niederschwellig oder auch non-verbal ist. Dadurch, dass die Dinge sich uns eh entgegenstellen, müssen wir uns ja damit auseinander setzen und das kann Design auf verschiedene Arten leisten. Das können neue Produkte sein oder eine neue Art von visueller Kommunikation. ‚Hallo Tod‘ macht das auch schon gut vor. Das ist einfach schon ein anderer Umgang, als bei bestehenden Diskursen. Ich glaube es braucht auf jeden Fall eine neue Form der Sprache, zeitgemäße Bildsprache und das kann Design leisten.

BH: Der Berliner Bestatter Eric Wrede meinte innerhalb eines Interviews, dass wir nie einen Umgang mit Sterben und Tod gelernt hätten, daher fiele es uns auch so schwer damit umzugehen. Kinder haben hingegen einen ganz anderen Umgang mit dem Tod. Erst durch Erwachsene bekommt das Thema etwas Schweres, und auch der Zugang wird erschwert.

BS: Ja, das kann ich unterschreiben, wobei ich nicht sagen würde, dass wir nie einen Umgang gelernt haben. Ich würde sagen, wir haben ihn verlernt.
Betrachten wir die Vergangenheit, dann hat Sterben innerhalb des sozialen Gefüges stattgefunden, innerhalb der Familien. Die Oma lag im Wohnzimmer und war Teil des Lebens.

Durch die Vereinzelung und das Auflösen dieser Strukturen haben wir auch das Wissen über das Sterben verlernt. Was passiert in diesem Prozess überhaupt? Das ängstigt uns. Da entsteht auch eine Sprachlosigkeit. 
Es lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit, denn auch im viktorianischen Zeitalter wurde der Tod als Teil des Lebens gefeiert und es gab einen ganz anderen Umgang damit. 

BH: …oder wenn wir nach Mexiko schauen, wo es alljährlich das Totenfest gibt. Das ist ja auch ein ganz anderer Umgang damit. 

BS: Genau.

BH: Was wünschen Sie sich für einen Umgang in unserer Gesellschaft in der Auseinandersetzung mit dem Thema Sterben?

BS: Ich wünsche mir einen lebensweltlichen Umgang mit dem Thema Sterben. Einfach zu sagen, ja, es gehört zu unserem Leben. Es ist Teil davon und es ist auch Teil unserer Lebenswelt. Dieser Begriff ist mir extrem wichtig. Denn Sterbewelten sind aus meiner Perspektive eben auch Lebenswelten und nicht nur medizinische Welten. Die sind gestaltbar und das sind auch schöne Momente, die man am Ende miteinander verbringt. Es ist nicht nur Schmerz und Leid. Dafür kann man der Medizin ja auch in gewisser Weise danken, dass Patienten und Patientinnen, die sterben, weniger Schmerzen haben müssen. So kann es auch eine gute Zeit des Abschiednehmens sein. Gemeinsam und nicht erst nach dem Tod. Dieser Abschied ist für beide Seiten, Angehörige und Betroffene, sehr wertvoll. Dafür wünsche ich mir einen anderen Zugang und hoffe, dass meine Arbeit auch dazu beiträgt, weil sie lebensweltlich agiert. 

BH: Danke Bitten Stetter für das Gespräch!


1 post mortem
lateinisch für „nach dem Tod“
Der Begriff wird in der Medizin und Kriminologie verwendet, wenn etwas nach dem Tod mit dem Körper geschieht. 
vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Post_mortem

2 prae mortem oder auch ante mortem 
lateinisch für „vor dem Tod“

3 death positive movement
Eine Bewegung mit dem Ziel, Menschen dazu zu bringen, mit Freund:innen, Eltern und Partner:innen über den Tod, das Sterben und die eigene Bestattung zu sprechen.
vgl. www.bundesverband-bestattungsbedarf.de/blog/death-positive-movement-der-kult-um-den-guten-tod/

4 artificial intelligence
Zu deutsch künstliche Intelligenz (KI). Sie stellt ein Teilgebiet der Informatik dar, das Aspekte menschlichen Denkens und Handelns mit Computern nachbildet.
vgl. www.wearesquared.de/glossar/was-ist-artificial-intelligence

5 dead bots 
Erstellte Roboter, die nach dem Tod einer Person mit beispielsweise zuvor (vor dem Tod) erstellten Sprachaufnahmen, diese „am Leben“ erhalten. 
vgl. www.thetimes.co.uk/article/death-bots-will-let-loved-ones-speak-from-the-grave-x5lwrmv3g

6 deepfake
Hiermit sind realistisch wirkende Medieninhalte gemeint, die mit künstlicher Intelligenz verfälscht worden sind, beispielsweise bei Fotos, Audios oder Videos.

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