Radikales Zuhören und Dankbarkeit

– eine queer-ökologische Perspektive auf Mensch-Umwelt-Beziehungen

von Carla Winkelmann

„I am listening now with all of my senses, as if the whole universe might exist just to teach me more about love. I listen to strangers, I listen to random invitations, I listen to criticisms, I listen to my body, I listen to my creativity and the the artists who inspire me, I listen to elders, I listen to my dreams and the books I am reading.“
– adrienne maree brown 2017: 8f.

Vielleicht fange ich mit dem Zuhören an. Manchmal frage ich mich, warum diese wertvolle Fähigkeit so oft in den Hintergrund gerät oder aus mangelnder Zeit und Muße, vielleicht auch aufgrund einer schier erdrückenden Masse an Sinneseindrücken schlichtweg ignoriert wird. Mir kommt es so vor, als sei Kommunikation aggressiver geworden. Sich gegenseitig unterbrechen, übertönen oder gar nicht erst zu Wort kommen lassen scheint nicht nur in politischen Kreisen der neue Tenor der Gesellschaft zu sein. Wohl ist das nicht die alleinige Ursache der zahlreichen und oft gewalttätigen Auseinandersetzungen unserer Zeit – sicherlich aber wäre es ein wichtiger und notwendiger Ansatz zu sozial und ökologisch nachhaltigen Konfliktlösungen. Genauso hinterfrage ich, wie sinnvoll es ist, Feindbilder aufzubauen und kollektiv zu manifestieren. Einander zuzuhören und versuchen, gegenseitiges Verständnis aufzubauen (was keinesfalls heißt, die Werte und Vorgehensweise der ‚anderen Seite‘ gutzuheißen oder gar zu befürworten) halte ich für einen viel größeren und wichtigeren Akt der Rebellion als Hass zu schüren und sich durch eine gewollte Abgrenzung zu identifizieren – auch wenn das meist als der längere, anstrengendere Weg erscheint. Worauf ich hinaus möchte, ist allerdings nicht nur eine neue Kultur des gegenseitigen Zuhörens. Vielleicht habe ich ja auch verlernt, mir selbst zuzuhören. Mir selbst und meinem unmittelbaren ökologischen Lebensraum.

Dieser Text gründet auf einem Unbehagen, einem Unwohlsein, welches sich in den letzten Monaten in mir ausgebreitet hat und dem ich nun endlich eine Stimme verleihen möchte. Natürlich ist mir bewusst, dass ich als weiße, junge und in einem akademischen Kontext sozialisierte Frau in vielerlei Hinsicht privilegiert bin und dass ich diese Privilegien wie einen unsichtbaren Rucksack stets mit mir herumtrage. In meiner Perspektive möchte ich den Problemen anderer, weniger privilegierter Menschen und Gruppierungen weder Bedeutung absprechen, noch den Fokus weg von solchen komplexen Lebensrealitäten rücken. Vielmehr möchte ich mich zu einem aktuellen Phänomen unserer Dominanzgesellschaft positionieren und Gedanken aus eigener Perspektive teilen.

Wie jeder Mensch sehne ich mich nach Zugehörigkeit und Einbettung und ich bin es Leid, mich über Abgrenzung und Antikultur zu identifizieren. Viel lieber möchte ich JA sagen und resonieren – mit meinen Tätigkeiten, mit dem Gemüse, das ich esse, mit meinem Körper und mit den Werten meiner Mitmenschen. Wenn allerdings die Lohnarbeit nur ein kleiner Prozess in einer langen Arbeitskette ist, das Gemüse genormt und in Plastik verpackt im Kühlregal des Supermarktes liegt und mein Körper tagtäglich mit der Botschaft konfrontiert wird, nicht schön oder schlank genug zu sein, wenn (menschliche und nichtmenschliche) Materie also fortlaufend entkoppelt, entfremdet und vermarktet wird – dann fällt es mir nicht leicht, Resonanzpunkte in der Umgebung zu finden. Auch um den Boden unter den Fü.en und meine Umwelt behüten zu können und endlich Verantwortung für ökologische Probleme zu übernehmen sind solche Resonanzpunkte meiner Meinung nach enorm wichtig und notwendig. Ein Ansatzpunkt, um dieser foranschreitenden Entbettung entgegenzuwirken, kann beispielsweise Wissensvermittlung und ökologische Verantwortung sein. Dystopische Berichte zur Klimakrise oder Statistiken zu den ökologischen Kipppunkten stellen hier wichtige politische Beiträge zu einem kollektiven Umdenken dar. Das Wissen darum, dass es bei einer Erderwärmung um maximal weitere 2°C zu einem Klimakollaps kommen wird, bei welchem Ressourcen und Biodiversität noch drastischer reduziert werden, erwirkt bei einigen ein ‚Wachrütteln’, auf das entsprechende Handlungen folgen können. Meiner Meinung nach ist dieser Ansatz allerdings unvollständig: um mich wieder mehr mit meinem ökologischen Lebensraum zu identifizieren, genügen Fakten und Zahlen nicht. Wir müssen – als Individuen, als Gemeinschaft und Gesellschaft, vielleicht sogar als Menschheit – eine symbiotische Beziehung zu dem Land1, auf dem wir leben, manifestieren, welche auf Emotionalität und ganz persönlichen Geschichten und Schicksalen basiert. Erst dann wird Tier und Pflanzenwelt und unser Ökosystem nicht mehr nur als unhinterfragbare Ressource ansehen werden, sondern als kostbares Geschenk, welches verantwortungsvoll und mit Sorgfalt behandelt werden muss. Erst dann wird unsere Interdependenz zur Erde mit all ihren Organismen auch auf körperliche und emotionale Art und Weise erkennbar und fühlbar.

Robin Wall Kimmerer ist Biologin, Botanikerin und Autorin des Buches „Braiding Sweetgrass“, welches 2013 erschienen ist. Als aktive Angehörige der native american Potawatomi schafft sie sich einen Zugang zu Welt, welcher vernetzt und emotional ist – und damit weit über die Felder klassischer Wissenschaft hinausgeht. In den Essays ihres Werkes webt sie diese beiden Ansätze gekonnt ineinander. Sie schafft es, wissenschaftliche Analytik mit indigenem Wissen zu verknüpfen und die Lesenden zu einer Kommunikation zwischen sich selbst und ihrer Umwelt einzuladen. Durch diesen Akt des ‚in Beziehung Setzens‘ spricht sie Pflanzen und Tieren volle agency, also Handlungsfähigkeit, zu und schätzt sie als unsere ältesten Lehrer*innen. Ihr Ansatz ist zwar höchst wissenschaftlich, dennoch aber so simpel und klar, dass er in einfache Alltagspraxen übersetzt werden kann. Ich sog nachts, tief über das Buch gebeugt, ihre Worte in mich auf. Detaillierte Biographien über die Schwarze Weide, über Walderdbeeren, Süßgräser und die reziproke Beziehung, die Menschen schon jahrtausendelang mit diesen Pflanzen pflegen. Ich fühlte mich auf einmal zuhause und empfand eine enorme Dankbarkeit, fast sogar schon Ehrfurcht, für den Boden und die Pflanzen vor meiner Haustür. Durch eigene körperliche Erfahrungen und der Praxis, Organismen aktiv zuzuhören, so Kimmerer, kann eine neue und ganz persönliche Wertschätzung gegenüber unserem Ökosystem entwickelt werden. Wir beginnen, die Welt als Geschenk anzusehen und eine Beziehung mit ihr aufzubauen. „The essence of the gift is that it creates a set of relationships. The currency of a gift economy is, at its root, reciprocity“ (Kimmerer 2013: 28).

Dankbarkeit und das Aufbauen von wechselseitigen Beziehungen zwischen Mensch und Erde – das klingt erstmal nach einer malerischen Floskel, welche aus einem Magazin für Ökoromantik stammen könnte. Außerdem, so mögen manche argumentieren, ist das doch zu persönlich und emotional, als dass man damit den Diskurs über Umweltpolitik verändern könnte. Sehe ich mir jedoch den geschichtlichen und gesellschaftlichen Kontext rund um das tradierte westliche Verständnis von Natur an, bin ich der Überzeugung, dass die Thematik darum hoch politisch ist und der Begriff ‚Natur’ neu definiert oder zumindest tiefgehend reflektiert werden sollte. Natur gilt als Gegenpart von Kultur, und wird dabei meist als der Kultur2 untergeordnet konzeptualisiert und repräsentiert (Bauhardt 2012: 11). Gerade in heutigen kapitalistischen Systemen wird sie zur gegebenen, unhinterfragbaren Ressource erklärt und in gleichem Zuge wirtschaftlich ausgenutzt. Bauhardt (2012) behauptet sogar, das gängige, westliche Konzept von Natur sei eine politische Strategie, welche die Ausbeutung von Naturressourcen legitimiere (ebd.). Zu Recht, wie ich finde. Trotz zahlreicher klimaschonender Ansätze und Bemühungen um ‚Nachhaltigkeit‘ findet Grund- und Bodenraub im Namen kulturellen Wachstums statt. Dutzende von Wäldern werden stündlich, täglich abgeholzt. Landarbeiter*innen anderer Länder werden dazu gezwungen, unter Einsatz hochgiftiger Säuren seltene Erden für eine privilegierte Minderheit aus dem Boden zu schürfen. Um nur einen Bruchteil der strategischen und ganz bewussten Ausbeutung zu nennen. So eine Gesellschaft mag zwar daran arbeiten, eine neue Mensch-Natur-Beziehung zu entwickeln, doch Natur befeuert die Wirtschaft und damit das kapitalistische, patriarchale Wachstumsparadigma.3 Sie wird für marktwirtschaftliche Zwecke fortlaufend und schamlos ausgenutzt und deshalb möchte ich lieber von Land, von Boden, Erde, Tier- und Pflanzenwelt, als von Natur reden.

Mit einer kritischen Auseinandersetzung über alteingesessene Begriffe und einer Reflexion über die intersektionale Wirkmacht dieser ist es zwar noch nicht getan, doch spätestens hier stecken wir tief im politischen Diskurs. Ansätze wie der Ökofeminismus oder Queer Ecologies beschäftigen sich mit solchen Schnittstellen; sie arbeiten zum Beispiel heraus, wie Natur- und Geschlechterverhältnisse miteinander verknüpft sind und sich gegenseitig bedingen. Hier wird gefordert, Dominanzen über Land und Boden, über Frauen* und über marginalisierte Gruppen zu beenden, um eine ausbeuterische, kapitalistische Ökonomie zu überwinden (ebd.: 9). Das ist groß gedacht und mag wie eine unüberwindbare Aufgabe wirken – ich denke aber, es ist wichtig und notwendig, sich vernetzt, intersektional und queer mit der Thematik zu beschäftigen, um ein umfassendes Verständnis zu erlangen. Und um mir bewusst zu werden, dass mein Verhältnis zu Land nicht nur persönlich und individuell ist – sondern im Gegenteil, historisch geprägt und immer durch gesellschaftliche und politische Strukturen bedingt. Die Forderung einer neuen Mensch-Umwelt-Beziehung wirft somit zahlreiche Unterpunkte auf, welche mit gleicher Wichtigkeit eingefordert werden sollten: eine neue Wertschöpfung unterrepräsentierter Gruppen beispielsweise, die Auflösung von Dualitäten und veralteten Epistemologien sowie mehr Chancengleichheit für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung und Ressourcennutzung.

Um nun wieder den Bogen zum Anfang zu spannen: wir müssen radikal dankbar, radikal zärtlich sein, um solche Visionen zu manifestieren, Visionen, die „politisch und vielfältig sind“ (Kurt 2021: 20). Ich sehe es darum als einen politischen Akt an, mit dem aktiven Zuhören zu beginnen. Mir selbst, zuallererst, denn menschliche Körper sind Mikrosysteme mit komplexen Mustern, die es zu erkennen gilt. Systemischer Wandel, so schreibt es die Autorin adrienne maree brown, ist ein bottom-up Effekt: „We must create patterns that cycle upwards“ (brown 2017: 59), Muster bewegen sich von der Mikro- auf die Makroebene (ebd.). Und dann sollten wir weiter zuhören, unseren Mitmenschen, aber auch den Pflanzen, dem Boden, Tieren um uns herum. Ich plädiere dabei an eine post-humanistische Vision von agency, wie auch Gibson-Graham (2013) sie einfordert. In dieser Vision wird Materie als aktiv und selbstständig betrachtet. Die bewusste Begegnung mit ihr kann für neue Möglichkeiten der Wissensaneignung sensibilisieren – oder, wie Kimmerer es formulieren würde: Es gibt noch so viel von ihr zu lernen. Ich wünsche mir ein neues Narrativ, welches auf aktivem Zuhören und Dankbarkeit basiert, und ich werde mein Bestes geben, dieses Narrativ in meinem Alltag und in der kollektiven Wirklichkeit zu manifestieren. Und ich hoffe, dass dadurch wachsende Freiräume entstehen, in denen eine gemeinsame Sprache der Wertschätzung entstehen kann. Eine Sprache, die rücksichtsvoll und solidarisch ist – und die Menschen sich selbst, aber auch ihrer Umwelt ein Stückchen näher bringt.

Nun gehe ich raus, die wilde Schönheit vor meiner Haustür einfangen, mich ins Gras legen und hören, was die feinen Halme zu sagen haben, die meinen Nacken kitzeln. Ich werde die dunkle, feuchte Erde zwischen meinen Fingern zerreiben und mit geschlossenen Augen ihren süßlichen Duft einatmen, bis mir schwindelig wird. Ich möchte dem Löwenzahn so lange beim Wachsen zusehen, bis ich mich heimisch fühle auf dem Boden, den ich betrete, bis ich Wurzeln schlage. Ich werde so lange zuhören, bis wir uns einander kennen, die Erde und ich.

1 Mit ‚Land‘ meine ich nicht etwa ein Staatsgebiet, sondern Erde und Boden mitsamt Flora und Fauna. Land beschreibt für mich somit unsere ökologische (Über-)Lebensgrundlage.

2 Diese Diskussion könnte eine eigene Arbeit füllen und ich werde die Komplexität des Themas hier nur anreißen können. Um die Problematik dennoch sichtbar zu machen und mich von ‚Natur‘ als Konzept der Vermarktung und Ausbeutung zu distanzieren, verwende ich den Begriff in diesem Text nur in kursiver Schreibweise.

3 Gesellschaftliche Naturverhältnisse sind somit immer auch mit bestehenden Herrschaftsverhältnissen und sozialer (Un)Gerechtigkeit verbunden. So setzt das historisch geprägte Machtgefüge zwischen Mensch und Umwelt beispielsweise quasi Sexismus und eine als ‚naturgegebene‘ angesehene, eigentlich jedoch sozial konstruierte und binäre Perspektive auf Geschlecht und auch Sexualität voraus. „Die monogame hetero Kernfamilie, dieses kolonialistische Vorzeigeprojekt, ist eine besonders profitable Einheit für Staat und den Markt. […] Der Fortbestand von hetero Familien mit hetero Kindern sichert(e) den Fortbestand der Nation“ (Kurt 2021: 155). Diese Art der Reproduktion soll gesellschaftlich also ganz bewusst als die einzig richtige gelten – denn sie bietet die größten ökonomischen Vorteile.

Literaturnachweise:

Bauhardt, Christine. 2012: Feministische Ökonomie, Ökofeminismus und Queer Ecologies – feministisch-materialistische Perspektiven auf gesellschaftliche Naturverhältnisse. Gender Politik Online.

brown, adrienne maree. 2017: Emergent Strategy. Shaping Change, Changing Worlds. Chico: AK Press.

Gibson-Graham, J.K.. 2013: Take Back the Economy: An Ethical Guide for Transforming Our Communities. Minnesota: University of Minnesota Press.

Kimmerer, Robin Wall. 2013: Braiding Sweetgrass. Indigenous Wisdom, Scientific Knowledge, and the Teaching of Plants. Minneapolis: milkweed editions.

Kurt, Şeyda. 2021: Radikale Zärtlichkeit. Warum Liebe politisch ist. Hamburg: HarperCollins.

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