(De-)Koloniale Designstrategien im Kontext Afrikas

In dem Seminar Designtheorie- Geschichte und aktuelle Diskurse hat Vanice Devenich sich mit der Publikation Design in the Borderlands und insbesondere mit dem Aufsatz „Africa: Designing as existence“ auseinandergesetzt.

Ihre Referatsverschriftlichung mit vertiefender Auseinandersetzung kannst du hier nachlesen.

Einleitung

Design und koloniale Strukturen der Ausbeutung können nicht unabhängig voneinander betrachtet werden. Die Auslöschung indigener Kenntnisse und Lebensrealitäten ist nicht mit dem Auflösen ehemaliger Kolonialmächte plötzlich ein Ende gesetzt worden. Designpraktiken sind aus einer eurozentristischen Perspektive entstanden und erhalten koloniale Strukturen in der Gegenwart weiter aufrecht. 

Innerhalb der Designtheorie lassen sich verschiedene Sichtweisen herausstellen, die Design als Mittel des Kolonialismus markieren und gleichzeitig sogenannte ‚dekoloniale‘ Designstrategien als Teil der Auflösung kolonialer Strukturen kennzeichnen. Auch in der Publikation Design in the Borderlands (2014), herausgegeben von der Designpsychologin Eleni Kalatidou und dem Designtheoretiker Tony Fry, lässt sich dies beobachten. Die Aufsätze in diesem Sammelband betonen die Notwendigkeit der Dekolonialisierung und erörtern die anhaltende Bedeutung des Eurozentrismus, die Macht des Designs sowie die Vermittlung von Wissen und Grenzdenken (border thinking).1 Border thinking wird dabei als Wandel in der ‚Geografie des Denkens‘ verstanden, durch den einige Perspektiven implementiert und wieder andere Sichtweisen verlernt werden können.2

Die vorliegende Referatsverschriftlichung bezieht sich vorwiegend auf den in Design in the Borderlands veröffentlichten Aufsatz „Africa: Designing as existence“, verfasst von dem Architekten Helder Pereira und der Designerin Coral Gillett und stellt darüber hinaus designtheoretische Zusammenhänge sowie Bezugnahmen zu dekolonialen Theorien her. Da die Autor:innen sich vorwiegend auf den afrikanischen Kontext und explizit Angola beziehen, konzentriert sich auch die vorliegende Arbeit auf diese geografische Eingrenzung. Die Autor:innen plädieren für die Etablierung neuer Denkweisen und eine Erweiterung des herkömmlichen Designbegriffs. Dabei markieren sie die Rolle der Designer:innen als in das Beziehungsgeflecht der kolonialen Modernisierung eingebunden.3 Obwohl Design auch einen zentralen Teil der Fortführung des Kolonialismus darstellt, schreiben Pereira und Gillett Design das Potenzial zu, koloniale Strukturen zu dekonstruieren und eine gerechtere und inklusive Welt zu gestalten. Diese Annahme wird im Folgenden dargestellt sowie kritisch hinterfragt.

1   Vgl. Kalantidou, Eleni/Fry, Tony (Hrsg.): Design in the borderlands, New York: Routledge, 2014, S. 5.

2 Vgl. ebd., S. 6 f.

3 Vgl. Pereira, Helder/Gillett, Coral: „Africa. Designing as existence“, in: Kalantidou, Eleni/Fry, Tony (Hrsg.):
    Design in the borderlands, New York: Routledge, 2014, S. 114.

Das Verhältnis von Kolonialismus und Design

Die Geschichte des Designs ist eng mit der Geschichte des Kolonialismus verwoben. Mit der industriellen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts entstand auch in Deutschland eine Praxis des Designs, die die Arbeitswirklichkeit vor Ort, den Gebrauch und die Wahrnehmung der Produkte beeinflusste.4 Pereira und Gillett demaskieren Design als aktiven Akteur im kolonialen System der Ausbeutung im afrikanischen Kontext und zeigen in ihrer Ausarbeitung, wie Design in kolonialen Räumen sowie in sogenannten Metropolen den Kolonialismus weiterhin aufrechterhält.5

4  Vgl. Selle, Gert: Geschichte des Designs in Deutschland, Frankfurt/Main: Campus Verlag GmbH, 2007, S. 51.

5 Vgl. Pereira, Helder/Gillett, Coral: „Africa. Designing as existence“, in: Kalantidou, Eleni/Fry, Tony (Hrsg.):
    Design in the borderlands, New York: Routledge, 2014, S. 113.

‚Afrika‘ und ‚Design‘ als Konzepte dekonstruieren

Pereira und Gillett zufolge müssen die Begriffe ‚Afrika‘ und ‚Design‘ entpackt und die Vorstellung davon, was diese Begriffe bedeuten, überdacht werden: „Our notions of what these terms mean need to be de-stabilised, de-naturalised.“6

Die Autor:innen kritisieren, dass der Begriff ‚Afrika‘ eine singuläre und kurzsichtige Vision verschiedenster Länder beinhaltet, die sich in ihrer Vielfalt der Sprachen, Kulturen, Geschichten und Religionen voneinander unterscheiden.7 Schon als 1851 in Berlin willkürlich Grenzen durch den afrikanischen Kontinent gezogen wurden, um Nationalstaaten einzugrenzen – bereits hier spielte Design eine Rolle im Kolonialismus –, wurde die Verschiedenheit der Menschen ignoriert und zusammengefasst.

Auch die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin Jane Bennett dekonstruiert Afrika als Konzept: „In a very real way, there is no such thing as Africa, except as such a space is highlighted and debated in opposition to the discourses that stereotype the continent as undeveloped, its peoples as incapable of self-governance or poor and its cultures as primitive.”9

6 Ebd., S. 109.

7 Vgl. ebd.

8 Vgl. ebd.

9 Bennett, Jane: „Subversion and Resistance: Activist Initiatives,” in: Sylvia Tamale (Hrsg.), African Sexualities,
 
Kapstadt: Pambazuka Press, 2011, Note 17, S. 80.

Dennoch ist es der ugandischen Akademikerin und Menschenrechtsaktivistin Sylvia Tamale zufolge wichtig, im Kontext von Dekolonialisierung Afrika als historische Einheit zu betrachten. Der Großteil des Kontinents teilt sich eine Geschichte von Sklaverei, Kolonialismus und Unterdrückung, die zu einheitlichen politischen Maßnahmen geführt hat und Herausforderungen wie geopolitischer Marginalisierung sowie wirtschaftliche Ausbeutung betreffen.10

In ihrer Ausführung versuchen Pereira und Gillett Design in Beziehung zu setzen, um herauszuarbeiten, welche Rolle Design bei der Gestaltung ‚dekolonialer‘ Zukünfte spielen kann oder sollte.11 Das eine Design gebe es demnach nicht. Es müsse eine andere Vorstellung davon entwickelt werden, was Design ist, wer Designer:innen sind und was entworfen werden sollte.12 Dennoch gilt es infrage zu stellen, ob die historisch enge Verknüpfung von Design und Kolonialismus nicht verhindert, Design und Dekolonialisierung zusammenzubringen. Darauf soll im dritten Kapitel näher eingegangen werden.

10 Vgl. Tamale, Sylvia: Decolonization and Afro-Feminism, Kanada: Daraja Press 2020, S. 11.

11 Vgl. Pereira, Helder/Gillett, Coral: „Africa. Designing as existence“, in: Kalantidou, Eleni/Fry, Tony (Hrsg.):
    Design in the borderlands, New York: Routledge, 2014, S. 109.

12 Vgl. ebd., S. 117.

Design als Mittel zur Abschaffung bestehender Lebensweisen

Pereira und Gillett führen als Beispiel für die Verwobenheit von Kolonialismus und Design den architektonischen Stil der ‚Moderne‘13 an, der von den Kolonialmächten für den Um- und Weiterbau der portugiesischen Kolonie Angola als besonders geeignet erachtet wurde.14 Die Ästhetik der ‚Moderne‘ vermittelte den Kolonialist:innen zufolge ‚fortschrittliche Werte‘ und diente demnach als Schlüsselinstrument der eigenen Selbstdarstellung. Zusätzlich sei ihre Möglichkeit der Massenproduktion ideal für den groß angelegten Bau von Städten, der erforderlich war, um die Migrationswellen aus Portugal in die Kolonie aufzunehmen.15 

Mit dem Auferlegen dieser Baumaßnahmen wurde lokales Wissen über nachhaltigere Formen und Materialien übergangen und damit zum Verschwinden gebracht sowie die einheimische

Bevölkerung dazu genötigt, sich eine europäische Lebensweise anzueignen.16 Das angolanische Design für Bautraditionen, das klimatisch und kulturell an seinen jeweiligen Ort ausgerichtet war, wurde von der ‚Moderne‘ ersetzt. Obwohl die ‚Moderne‘ nicht nachhaltige Praktiken beinhaltete und die schädlichere Wahl für Natur und wünschenswerte Zukünfte darstellte, wurde die ‚Moderne‘ mit ‚Entwicklung‘, ‚Vernunft‘ und ‚Reichtum‘ assoziiert.17 

Pereira und Gillett zufolge hätte es Architektur im Stil der ‚Moderne‘ nie gegeben, wenn Europa nicht die technologischen Fortschritte verzeichnet hätte, die durch die koloniale Wirtschaft möglich wurden (z.B. Abbau von Ressourcen und Kolonien als Experimentierfeld).18 Auch die Inszenierung als ‚Helfer:innen‘ seitens der Kolonialmächte besteht bis heute. Demnach hätten die Kolonist:innen der indigenen Bevölkerung mit ihrem eurozentristischen Wissen über Kultur und Wirtschaft zu einem aus der Sicht des globalen Nordens ‚besseren‘ Leben verholfen. Tamale bezeichnet diese koloniale Hierarchisierung von Wissen als Authoritative Knowledges

„In the mid-twentieth century, political economy scholarship sought to analyze the capitalist system. One of the charges that such scholars proffered against particular kinds of authoritative knowledges was that they played a key role in legitimizing the interests of colonialism, particularly justifying discrimination. Certain knowledges were permitted to evolve as “science” while other Indigenous knowledges were simply labelled as lore, superstition and quaint fancies.“19

Nach Pereira und Gillett sei die Geschichte der westlichen ‚Moderne‘ nicht vollständig, wenn sie nicht die Geschichte der epistemologischen Gewalt enthalte, die die europäische Kolonialmacht anderen Menschen angetan hat.20 Seit jeher wird lokales Wissen als irrationale Narrative abgetan und verdrängt, während ‚westliches‘ Wissen als rational dargestellt wird. Design trage mit der Auslöschung von Kulturen dazu bei, diese epistemologische Gewalt fortzusetzen.21 Diese Zusammenhänge zeigen, wie verwurzelt Design mit kolonialen Strukturen ist. Die Autor:innen fassen zusammen: „Rather than being a neutral aesthetic practice, design in this context was a vehicle of the making of social norms (and unmaking of existing ways of being).“22 

Neben der Kritik am heutigen Designverständnis und der Verknüpfung von Design und Kolonialismus qualifizieren Pereira und Gillett Design allerdings auch zu einem Teil der Lösung im Kampf gegen koloniale Nachwirkungen.

13 Im Folgenden wird der Begriff der ‚Moderne‘ in einfache Anführungszeichen gesetzt, um seinen
    widersprüchlichen und eurozentristischen Charakter deutlich zu machen.

14 Vgl. Pereira, Helder/Gillett, Coral: „Africa. Designing as existence“, in: Kalantidou, Eleni/Fry, Tony (Hrsg.):
    Design in the borderlands, New York: Routledge, 2014, S. 111.

15 Vgl. ebd.

16 Vgl. Pereira, Helder/Gillett, Coral: „Africa. Designing as existence“, in: Kalantidou, Eleni/Fry, Tony (Hrsg.):
    Design in the borderlands, New York: Routledge, 2014, S. 112.

17 Vgl. ebd., S. 114.

18 Vgl. ebd., S. 113.

19 Tamale, Sylvia: „Decolonization and Afro-Feminism“, Kanada: Daraja Press 2020, S. 250.

20 Vgl. Pereira, Helder/Gillett, Coral: „Africa. Designing as existence“, in: Kalantidou, Eleni/Fry, Tony (Hrsg.):
    Design in the borderlands, New York: Routledge, 2014, S. 114.

21 Vgl. ebd.

22  Pereira, Helder/Gillett, Coral: „Africa. Designing as existence“, in: Kalantidou, Eleni/Fry, Tony (Hrsg.):
      Design in the borderlands, New York: Routledge, 2014, S. 112.

‚Dekoloniale‘ Designstrategien

Um auf die von den Autor:innen angeführte ‚dekoloniale‘23 Designpraxis einzugehen, wird zunächst zwischen dekolonialen und postkolonialen Ansätzen differenziert. Im Anschluss daran wird darauf eingegangen, wie Design den Kolonialismus aufrechterhält und inwiefern bestimmte Designpraxen Teil dieser Aufrechterhaltung sind. Nachfolgend wird die Kritik seitens der Autor:innen am heutigen Designverständnis nachvollzogen, um schließlich ihre eigenen Strategien ‚dekolonialer‘ Designpraxis vorzustellen.

23 Da in der vorliegenden Arbeit das dekoloniale Potenzial von Design in Frage gestellt wird, werden im
    Text von Pereira und Gillett aufkommende Begrifflichkeiten, wie ‚dekoloniale Ästhetik‘ oder ‚dekoloniale
      Designpraxis‘ in einfache Anführungszeichen gesetzt.

Dekoloniale vs. postkoloniale Strategien

Sowohl dekoloniale als auch postkoloniale Ansätze beschäftigen sich kritisch mit den irreversiblen Folgen des Kolonialismus. Pereira und Gillett verwenden in ihrer Ausarbeitung lediglich den Begriff der Dekolonialisierung, ohne dies näher zu begründen. Einen Hinweis auf den Grund dafür lassen Kalatidou und Fry in ihrer Einleitung zu Design in the borderlands vermuten, in der sie kurz auf den Begriff des Postkolonialismus eingehen: 

„What is becoming increasingly clear from critiques that have been developing over the past few years is that all post-colonialism represented was a withdrawal of the discernable apparatus of colonial power. It did not mean an end of colonialism.“24

24  Kalantidou, Eleni/Fry, Tony (Hrsg.): Design in the borderlands, New York: Routledge, 2014, S. 2.

Seitens dekolonialer Theoretiker:innen werde immer wieder kritisiert, dass das Präfix ‚post‘ in ‚Postkolonialismus‘ impliziere,  dass es einen Zustand nach dem Kolonialismus geben könne.25 Dagegen konstatieren die Politikwissenschaftlerinnen María do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan in ihrer Publikation Postkoloniale Theorie: Eine kritische Einführung (2020), dass der Begriff viel mehr die Notwendigkeit anspreche, „die Konsequenzen der kolonialen Herrschaft profund zu analysieren.“26 

Überdies kritisiert Tamale ebenfalls die Zusammensetzung des Begriffs ‚Dekolonialisierung‘. Das Präfix ‚de‘ konnotiere ein aktives Rückgängigmachen oder Umkehren der Folgen kolonialer Ausbeutung.27 Ihr zufolge müsse Afrika über die Dekonstruktion von Dingen hinausdenken, weil diese letztendlich wieder zurück zum Kolonialismus führe, weshalb Rekonstruktion ein Teil der Strategie sein müsse.28 Letztlich sei das Hauptanliegen der Dekolonialisierung jedoch die Würde der afrikanischen Menschen wiederherzustellen: „By no means is it focused on a naive desire to return to a romanticized pre-colonial past. Rather, it is about reconstructing the relationship between African people and the colonizers.“29


Castro Varela und Dhawan plädieren insgesamt für eine Kooperation beider Perspektiven: „Vielleicht wird es in Zukunft darum gehen müssen, einen Weg zu finden, in denen kritische Ansätze miteinander verbunden und nicht gegeneinander ausgespielt werden.“30 Generell sprechen sich beide Ansätze dafür aus, sich der Aufrechterhaltung des Kolonialismus – für die auch das Design mitverantwortlich gemacht werden muss – zu widersetzen.

25 Vgl. Castro Varela, María do Mar/Nikita Dhawan: Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung, Bielefeld: transcript Verlag, 2020, 3. Auflage, S. 333.

26 Ebd.

27 Vgl. Tamale, Sylvia: „Decolonization and Afro-Feminism“, Kanada: Daraja Press 2020, S. 20.

28  Vgl. ebd.

29 Ebd., S. 21.

30 Castro Varela, María do Mar/Nikita Dhawan: Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung, Bielefeld:
    transcript Verlag, 2020, 3. Auflage, S. 338.

Design erhält den Kolonialismus aufrecht

Design war ein Mittel der Kolonialisierung und wirkt im Kontext der Globalisierung heute als Mittel des Neokolonialismus.31 Immer noch schafft Design eine Nachfrage an Produkten, die mit einem umweltschädlichen Ressourcenverbrauch und ausbeuterischen Produktionsbedingungen einhergehen, die das koloniale System aufrechterhalten. Insbesondere Afrika ist davon betroffen.

Bis heute sind koloniale Logiken tief in unserem alltäglichen Leben verankert. Tamale spricht in diesem Kontext von einem internalisierten Kolonialismus32, der in jedem von uns stecke. Deshalb müsse jede:r beim Prozess der Dekolonialisierung bei der eigenen Mentalität und unterbewussten Denkweisen anfangen und eigene Privilegien hinterfragen.33 Offen bleibt: Können Design und seine Akteur:innen ihre Denkweisen und Privilegien hinterfragen, wenn sie ‚dekoloniale‘  Designpraxen anstreben? Wenn Design den Kolonialismus aufrechterhält, wie soll es dann gleichzeitig zu Dekolonialisierung beitragen? Kann es eine dekoloniale Designpraxis überhaupt geben, wenn diese in Strukturen praktiziert wird, die durch den Kolonialismus geschaffen wurden?

31 Vgl. Pereira, Helder/Gillett, Coral: „Africa. Designing as existence“, in: Kalantidou, Eleni/Fry, ‚Tony (Hrsg.):
    Design in the borderlands, New York: Routledge, 2014, S. 115.

32 Vgl. Tamale, Sylvia: „Decolonization and Afro-Feminism“, Kanada: Daraja Press 2020, S. 245 ff.

33 Ebd., S. 245.

Designpraxis in ‚afrikanischen‘ Kontexten

Um zu verdeutlichen, wie koloniales Design bis in die Gegenwart nachhallt, führen Pereira und Gillett zwei Beispiele aus der Praxis an, die sie gleichzeitig problematisieren. Zum einen kritisieren sie die Ausstellung L’Afrique, C’est Chic, die Möbel im ‚afrikanischen Stil‘ präsentiert. Die Möbelmesse instrumentalisiert afrikanische Signifikanten, die durch visuelle Symbolik referenziert und letztlich als Interior Designs präsentiert werden.34 Der internalisierte Kolonialismus zeigt sich anhand dieses Beispiels an der Reduzierung Afrikas auf eine Ästhetik: „This is design in its most consumerist incarnation, and positions ‘Africa’ as simply another ‘style’ for sale.“ 35


Bei weiterer Recherche fällt auf, dass die Webseite von L’Afrique, C’est Chic36 zu einer weiteren Webseite führt, die diese Reduzierung auf die Spitze treibt: www.africanize.it. Wie schon die URL vermuten lässt, haben die Betreiber:innen der Webseite einen Code schreiben lassen, durch den Benutzer:innen Textilien sowie Artikel für zu Hause, Büro und Hotel mit einem „afrikanischen Touch“ versehen können – wie es auf der Webseite steht.37 Auch hier wird Afrika auf eine Ästhetik reduziert und zusätzlich kapitalisiert. Pereira und Gillett zufolge berauben die Designer:innen den Objekten ihren ‚afrikanischen‘ Charakter und vermarkten gleichzeitig ihre ‚afrikanische‘ Kultur.38 Diese Designpraxis zeigt deutlich, wie immer noch bestehende, koloniale Strukturen der Ausbeutung in Bezug auf Afrika ihren Ausdruck finden.

34 Vgl. Pereira, Helder/Gillett, Coral: „Africa. Designing as existence“, in: Kalantidou, Eleni/Fry, Tony (Hrsg.):
    Design in the borderlands, New York: Routledge, 2014, S. 117.

35 Ebd.

36 Vgl. L’Afrique, C’est Chic, www. lafriquecestchic.world(abgerufen am 09.03.2023).

37 Vgl. Africanize.it, www.africanize.it (abgerufen am 09.03.2023).

38 Vgl. Pereira, Helder/Gillett, Coral: „Africa. Designing as existence“, in: Kalantidou, Eleni/Fry, Tony (Hrsg.):
    Design in the borderlands, New York: Routledge, 2014, S. 117.

Pereira und Gillett zufolge geht diese Form der Instrumentalisierung aus der Vorstellung hervor, dass Designpraxis von materieller bzw. ästhetischer Natur sei, weshalb die Bezeichnung ‚afrikanisches Design‘ eine bestimmte ästhetische Assoziation auslöse.39 Diese Vorstellung sei von einer zu problematisierenden medialen Darstellung der ‚traditionellen afrikanischen Kultur‘ geprägt, die ebenfalls dazu beiträgt, koloniales Denken aufrechtzuerhalten. Die Autor:innen stellen an dieser Stelle die These voran, dass diese Darstellung auf die zeitgenössischen urbanen Angolaner:innen zurückgespiegelt werde.40 Das würde bedeuten, dass sich sowohl Teile ihrer Identität als auch ihrer Ästhetik aus den globalen Medien konstituieren. Demnach würden auch ausgebildete afrikanische Designer:innen ihre Vorstellung davon, was ‚afrikanisches Design‘ sei, aus der hegemonialen eurozentristischen Designausbildung übernehmen: 

„The irony of this ‘flattening’ of African culture into a series of visual motifs is that, through the hegemony of Eurocentric design education (even in non-Western contexts) combined with design media and publishing channels, many ‘formally’ trained African designers are likely to have this very same view of what might constitute an ‘African design’ practice.“41

An dieser Stelle wird erneut deutlich, dass das Konzept, es könne einen Zustand nach dem Kolonialismus geben – welches dekoloniale Theoretiker:innen häufig postkolonialen Ansätzen zuschreiben42 – obsolet wird, da dieser Annahme zufolge koloniale Strukturen längst in die Lebensgestaltung und Designpraxen der afrikanischen Bevölkerung übergegangen sind.

Eine weitere kritisch zu betrachtende Designpraxis, die Pereira und Gillett im Kontext der Kolonialisierung anführen, ist das humanitäre Design bzw. das Social Design. Als Beispiel nennen sie das Titelbild der Publikation Design for the other 90% (2008), welches eine Schwarze Frau darstellt, die Wasser aus dem LifeStraw® trinkt. Dabei kritisieren die Autor:innen, dass es sich hierbei um ein Design handelt, das von Menschen aus dem globalen Norden erdacht und umgesetzt wird und sich aus hierarchischer, eurozentristischer Perspektive an „die anderen 90%“ richtet und weder von noch mit den 90% designt wurde.43 Diese Designpraxis werde meist von jungen Designer:innen praktiziert, die ein festes Bild davon haben, wer helfen kann und wem ‚geholfen‘ werden muss.44

39 Vgl. ebd., S. 115.

40  Vgl. ebd., S. 116.

41  Ebd., S. 117.

42 Vgl. Castro Varela, María do Mar/Nikita Dhawan: Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung,
    Bielefeld: transcript Verlag, 2020, 3. Auflage, S. 333.

43 Vgl. Pereira, Helder/Gillett, Coral: „Africa. Designing as existence“, in: Kalantidou, Eleni/Fry, Tony (Hrsg.):
    Design in the borderlands, New York: Routledge, 2014, S. 117.

44   Vgl. ebd., S. 118.

Was Pereira und Gillett bei der Designpraxis des Social Designs fehlt, ist zum einen der Einbezug dessen, warum ein Bedarf an humanitären Designmaßnahmen überhaupt besteht.45 Zum anderen müsse die Vorstellung davon, was Design ist und wer als Designer:in bezeichnet wird, erweitert werden; denn Designer:innen vor Ort werden entweder gar nicht erst in Lösungsprozesse eingebunden oder in eine eurozentristische Vorstellung von Designpraxis gepresst, die der globale Norden etabliert hat.46 Die essenzielle Frage, die die Autor:innen an dieser Stelle stellen ist, wer in diesen Designpraxen für wen designt.47

45 Vgl. ebd.

46 Vgl. ebd.

47 Vgl. ebd.

„Designing as existence“

Als Gegenentwurf zu den angeführten Designpraxen befürworten Pereira und Gillett eine Erweiterung des Designbegriffs, der auch Menschen aus Luanda, die aus Existenzgründen gestalten, als Designer:innen bezeichnet.48 Dazu stellen sie in einer Fallstudie verschiedene Menschen aus Angola vor, die Design bzw. Design Thinking als Mittel zur Existenzsicherung nutzen. Als Beispiel nennen die Autor:innen kinguilas, inoffizielle Geldwechsler:innen – überwiegend Frauen – auf angolanischen Straßen.49 Die Designpraxis dieser Frauen bestehe laut den Autor:innen beispielsweise darin, sich ungenutzte und vernachlässigte Räume anzueignen. Ihre Tätigkeiten werden zwar toleriert, sind jedoch weitestgehend illegal. Deshalb kommunizieren kinguilas über Codes wie Handzeichen oder Geräusche, durch die sie einander auf Bedrohungen aufmerksam machen. Auf diese Codes können sie und Menschen in ihrer Umgebung entsprechend reagieren.50 Pereira und Gillett zufolge gestalten die Geldwechsler:innen ihre Umgebung durch diese Art zu kommunizieren, indem sie ein System erschaffen, durch das sie ihre eigene Existenz sichern und die Kontrolle dieser zurückgewinnen: „These ‘designers’ are redesigning not only the physicality of the spaces they occupy, but also the social implications of these spaces in the broader functioning of the city.“51 Diese Designer:innen bieten den Autor:innen zufolge Potenziale für die (Neu-)Erschaffung anderer Lebensweisen und die Unterstützung des pluriversalen Projekts nach Escobar.52

Weiter vergleichen die Autor:innen diese Designer:innen in Luanda mit Designer:innen, die sich einer herkömmlichen Designpraxis bedienen, um zu verdeutlichen, warum sich der Designbegriff aus der herkömmlichen Designpraxis verändern muss. Designer:innen in Luanda entwerfen demnach ein System oder Objekte innerhalb eines Systems. Dieses System könne je nach Bedarf modifiziert und verändert werden.53 Dabei werden Objekte und Dinge für eine Aneignung oder Neuerfindung verfügbar gemacht und immer in Bewegung gesehen. Im Gegensatz dazu entwerfe die herkömmliche Designpraxis lediglich feste Antworten auf feste Probleme.54

48 Vgl. ebd., S. 119.

49 Vgl. ebd., S. 119 f.

50 Vgl. Pereira, Helder/Gillett, Coral: „Africa. Designing as existence“, in: Kalantidou, Eleni/Fry, Tony (Hrsg.):
    Design in the borderlands, New York: Routledge, 2014, S. 120.

51 Ebd.

52 Vgl. ebd., S. 125, siehe Escobar, Aturo: „Sustainability: Design for the Pluriverse“, in: Development,
    vol. 54, 2011, S. 137–140.

53 Vgl. Pereira, Helder/Gillett, Coral: „Africa. Designing as existence“, in: Kalantidou, Eleni/Fry, Tony (Hrsg.):
    Design in the borderlands, New York: Routledge, 2014, S. 119 f.

54  Vgl. ebd.

Kritik am heutigen Designverständnis

Die Kritik am heutigen Designverständnis seitens Pereira und Gillett macht deutlich, warum das aktuelle Verständnis von Design nicht zu Lösungen beitragen kann, die es selbst hervorgerufen hat. Schließlich seien besonders Designer:innen daran schuld, dass eine Blindheit gegenüber ökologischen Folgen, die die menschliche Existenz betreffen, fortbesteht.55 Konträr dazu müsse die Aufgabe des Designs darin bestehen, ‚uns selbst‘ neu zu gestalten und dazu führen, dass wir ressourcenschonender leben.56

55 Vgl. ebd., S. 124.

56 Vgl. ebd., S. 125.

Gleichzeitig müssen Designer:innen den Autor:innen nach eine Zukunft schaffen, die in der Lage ist, auf den Klimawandel zu reagieren und sich ihm anzupassen. Dies könne beispielsweise dadurch möglich werden, dass vorhandenes und verdrängtes Wissen zu nachhaltigen Lebensweisen aus dem globalen Norden anerkannt wird.57 Pereira und Gillett stellen infrage, dass lediglich Akteur:innen aus dem globalen Norden im Design richtungsweisend sind, denn genau jene seien es, die ein fehlerhaftes Modell von Design in der Welt etabliert haben.58

Die Autor:innen sehen die Notwendigkeit, dass sowohl ‚wir‘ als auch das Design anpassungsfähig und flexibel bleiben muss.59 Das Problem sei, dass materielle Dinge in unserer Lebenswelt nicht als beweglich, sondern starr gesehen werden.60 Als Beispiel ließe sich der Kapitalismus nennen, der sich wie ein scheinbar unüberwindbares System aufrechterhält.

Eine Ästhetik, die sich dem herkömmlichen Design auf oben beschriebene Weise entgegensetzt, sei die dekoloniale Ästhetik:

„If decolonial aesthetics mobilises art to expose the perpetuation of the colonial model enacted in contemporary practices (of which ‘design’ is clearly an active participant), design can equally be mobilised within a decolonial framework, not only to ‘unconceal’ but to reconstruct, recreate and rebuild another mode of being.“61

Eine dekoloniale Ästhetik befreie sich von Empfindungen, die aus der ‚Moderne‘ und dem Kolonialismus stammen und könnte dabei helfen, koloniale Praktiken zu entlarven.62 Wenn das gelinge, könne Design zum Wiederaufbau einer anderen Sichtweise mobilisiert werden und verdrängte Kultur rematerialisieren.63

57 Vgl. Pereira, Helder/Gillett, Coral: „Africa. Designing as existence“, in: Kalantidou, Eleni/Fry, Tony (Hrsg.):
    Design in the borderlands, New York: Routledge, 2014, S. 125.

58 Vgl. ebd., S. 124.

59 Vgl. ebd., S. 125

60 Vgl. ebd., S. 119.

61 Ebd., S. 126.

62 Vgl. ebd., S. 125 f.

63 Vgl. ebd., S. 125 f.

Strategien der ‚dekolonialen‘ Designpraxis

Zur vertiefenden Darstellung davon, wie eine dekoloniale Ästhetik in der Praxis angewandt werden könnte, stellen Pereira und Gillett vier Interventionsbereiche vor, die die Anfänge einer solchen Designpraxis darstellen sollen. Dies sei als Versuch zu verstehen, Designpraktiken zu definieren, die die Gestaltung globaler Zukünfte mit einbeziehen.64

Die erste Strategie der ‚dekolonialen‘ Designpraxis ist die Wiedereingliederung von Kultur und Wirtschaft. Diese betont, dass die lokale Wirtschaft gestärkt und Konsum neu gedacht werden muss. Zur Produktion sollen nun auch Praktiken und Rituale, Gemeinschaften und Identitäten gefasst werden. Zudem müsse Wirtschaft etwas werden, das die lokale Bevölkerung tut und nicht mehr etwas sein, das ihnen angetan wird.65

Die zweite Strategie zielt darauf ab, Erholung, Wiederentdeckung und neue Verbindungen zu schaffen. Dabei sollen alte, neue und bereits vergessene Praktiken zusammengestellt werden, damit aus ihnen zukünftige Praktiken sowie neue Sichtweisen entstehen können. Das Einlassen auf neue Lebensweisen soll die Art und Weise verändern, wie Menschen mit sich und der Welt umgehen.66

Die dritte Strategie, die Gestaltung von Wünschen und Hoffnungen, beabsichtigt, neue alternative Optionen zu schaffen, die wünschenswert sind. Diese Optionen lösen idealerweise aktuelle Wünsche und Hoffnungen, wie z.B. übermäßigen Konsum und Besitz, ab und definieren neu, was als ‚gutes Leben‘ angesehen wird. Dabei wird die bereits bestehende Fixierung der Designpraxis auf materielle und ästhetische Belange genutzt, um ‚dekoloniale‘ Optionen zu schaffen.67

In der vierten und letzten Strategie der ‚dekolonialen‘ Designpraxis soll Design als Enthüllung genutzt werden. Design habe die Fähigkeit, zu verschleiern und zu entschleiern. Innerhalb der Strategie sollen diese Potenziale genutzt werden, um die koloniale Machtmatrix und die damit einhergehende ökologische und soziale Zerstörung zu entschleiern.68 Dabei soll die dekoloniale Ästhetik Charakteristika des Kolonialismus aufdecken: Machtstrukturen, Neokolonialismus, Strukturen der Ausbeutung und zerstörerische Folgen für Mensch und Umwelt.69 Außerdem soll sich Design selbst als etwas entlarven, das tief mit Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Machtbeziehungen verflochten ist.70

64 Vgl. Pereira, Helder/Gillett, Coral: „Africa. Designing as existence“, in: Kalantidou, Eleni/Fry, Tony (Hrsg.):
    Design in the borderlands, New York: Routledge, 2014, S. 126.

65  Vgl. ebd

66 Vgl. ebd., S. 127.

67 Vgl. ebd., S. 127 f.

68 Vgl. ebd., S. 128.

69 Vgl. ebd.

70 Vgl. ebd.

Durch die Kennzeichnung ‚dekolonial‘ erheben die Autor:innen diese Designstrategien zu einem aktiven Akteur in der Gestaltung ‚dekolonialer‘ Zukünfte. Dafür müsse sich lediglich die Ausrichtung in der Praxis verändern und die genannten Aspekte in die Designpraxis inkludiert werden. An dieser Stelle stellt sich jedoch folgende Frage: Ist nicht der Versuch, eine ‚dekoloniale‘ Designpraxis zu etablieren, die auf einer eurozentristischen und akademisierten Perspektive des globalen Nordens basiert, ebenfalls eine Form von Fremdbestimmung, also eine koloniale Praxis? 

Der Philosoph Dr. Boniface Mabanza Bambu erklärt in dem Vorwort zu Ngũgĩ wa Thiong’os Essays in Afrika sichtbar machen, wie wichtig die Selbstbestimmung Afrikas bei Dekolonialisierungsprozessen ist: 

„In einer Welt, in der es Platz für verschiedene Entwicklungswege und eine multipolare Ordnung geben muss, hat sich Afrika so zu positionieren, dass niemand von außen sich das Recht nimmt zu bestimmen, was dort geschieht und dass niemand sich im Namen von Moral und Entwicklung mit pseudo-altruistischen Konzepten in seine Angelegenheiten einmischt.“71

Insofern liegt es nahe, die Aufstellung von ‚dekolonialen‘ Designstrategien seitens Pereira und Gillett als Einmischung in die Angelegenheiten Afrikas einzuordnen. Schließlich schreiben die Autor:innen selbst aus einer eurozentristischen und akademisierten Perspektive und beziehen sich wenig bis gar nicht auf Denker:innen des globalen Südens. Ihren Referenzen zufolge haben die Autor:innen zwar Sichtweisen aus dem globalen Norden in ihre Arbeit einbezogen, dennoch werden diese Stimmen kaum direkt oder indirekt rezitiert, kommen also wieder nicht zu Wort.

71 Mabanza Bambu, Boniface: „Vorwort zur deutschen Ausgabe“, in: Ngũgĩ wa Thiong’o: Afrika sichtbar
    machen!
, Münster: UNRAST-Verlag, 2019, S 17.

Fazit und Ausblick

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Pereira und Gillett in ihrem Aufsatz „Africa: Designing as existence“ sehr deutlich erörtern, inwiefern Design und seine Akteur:innen immer noch mit dem Kolonialismus und seinen Folgen verwurzelt sind. Die Autor:innen plädieren dafür, die Begriffe ‚Afrika‘ und ‚Design‘ geschichtlich einzubetten und kritisch zu hinterfragen. Außerdem solle die Vorstellung davon, was die Begriffe bedeuten, überdacht und erweitert werden. So kritisieren sie den herkömmlichen Designbegriff und erweitern selbst anhand konkreter Beispiele, wen sie als Designer:in bezeichnen wollen. Überdies entwickeln sie Designstrategien, die sie als dekolonial bezeichnen. Sie bestehen also auf ein ‚dekoloniales‘ Potenzial des Designs zur Gestaltung einer gerechteren und inklusiven Gesellschaft.

Pereira und Gillett beziehen sich häufig auf einen Kanon innerhalb der Designtheorie, der vorwiegend eine eurozentristische, privilegierte Perspektive widerspiegelt. Zwar kritisieren sie, dass Designpraxen wie das Social Design nicht mit afrikanischen Designer:innen kooperiert, beziehen sich aber selbst in ihrer Ausarbeitung wenig bis gar nicht direkt auf Sichtweisen des globalen Südens. Die fehlende Reflexion der eigenen Sozialisation und Privilegien bleibt zu kritisieren.

Einerseits betonen die Autor:innen in ihrer Ausarbeitung die Notwendigkeit, lokales Wissen zu erhalten sowie die lokale Wirtschaft zu stärken und kritisieren die enge Verknüpfung des Designs mit dem Kolonialismus. Andererseits halten sie daran fest, dass Design trotz bestehender Verknüpfung zum Kolonialismus aktiver Akteur einer Transformation hin zu einer Dekolonialisierung sein kann, wenn der Begriff des Designs erweitert werden würde. Inwiefern ‚dekoloniale‘ Designstrategien, wie sie Pereira und Gillett in ihrem Aufsatz ausführen, tatsächlich dekoloniale Ansätze sein können, ist fraglich. Zumal dies als eine Einmischung in Angelegenheiten Afrikas, von der Mabanza Bambu spricht, gedeutet werden kann. 

Die Autor:innen problematisieren den Eurozentrismus, während sie selbst immer wieder in die Narrative des Othering – ein ‚wir‘ und ‚die anderen‘ – zurückfallen. Diese eurozentristische Sichtweise zeichnet sich ebenfalls in Zeilen ab, in denen sie von ‚unserer‘ Zukunft sprechen, während sie dabei indigene Perspektiven auf Zukunft übergehen. Sie setzen eine bestimmte Auffassung von Zeit voraus, die davon ausgeht, dass es etwas wie ‚die Zukunft‘ gibt, die in indigenen Epistemologien jedoch anders gedacht wird. Eine weiterführende Auseinandersetzung mit indigenen Perspektiven auf Zukunft findet sich u.a. in der Rede der Quantenphysikerin Karen Barad „Troubling Time/s, Undoing the Future“72

72 Vgl. Faculty of Arts, Aarhus University: „Karen Barad :Troubling Time/s, Undoing the Future“, 2016
    [YouTube] https://www.youtube.com/watch?v=dBnOJioYNHU (abgerufen am 09.03.2023).


Literaturverzeichnis

Africanize.it: www.africanize.it (abgerufen am 09.03.2023)

Bennett, Jane: „Subversion and Resistance: Activist Initiatives,” in: Sylvia Tamale (Hrsg.), African Sexualities, Kapstadt: Pambazuka Press, 2011, Note 17

Castro Varela, María do Mar/Nikita Dhawan: Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung, Bielfeld: transcript Verlag, 2020, 3. Auflage

Escobar, Aturo: „Sustainability: Design for the Pluriverse“, in: Development, vol. 54, 2011, S. 137–140

Faculty of Arts, Aarhus University: „Karen Barad :Troubling Time/s, Undoing the Future“, 2016, [YouTube] https://www.youtube.com/watch?v=dBnOJioYNHU (abgerufen am 09.03.2023)

Kalantidou, Eleni/Fry, Tony (Hrsg.): Design in the borderlands, New York: Routledge, 2014, S. 1-11

L’Afrique, C’est Chic, www. lafriquecestchic.world (abgerufen am 09.03.2023)

Mabanza Bambu, Boniface: „Vorwort zur deutschen Ausgabe“, in: Ngũgĩ wa Thiong’o: Afrika sichtbar machen!, Münster: UNRAST-Verlag, 2019

Pereira, Helder/Gillett, Coral: „Africa. Designing as existence“, in: Kalantidou, Eleni/Fry, Tony (Hrsg.): Design in the borderlands, New York: Routledge, 2014, S. 109-131

Selle, Gert: Geschichte des Designs in Deutschland, Frankfurt/Main: Campus Verlag GmbH, 2007

Tamale, Sylvia: Decolonization and Afro-Feminism, Kanada: Daraja Press, 2020

Text von Vanice Devenich
Seminar: Designtheorie- Geschichte und aktuelle Diskurse
bei Michaela Büsse

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

8 + 17 =