Wie “schaue [ich] in die Welt” ?

Die Gestaltungssprache an Waldorfschulen

– ein Zwiespalt zwischen Freiheit und Dogma

Vorweg

Nach dem Soziologen Hartmut Rosa werden “Weltbeziehungen eines Menschen ganz wesentlich in der und durch die Schule geformt.” (Rosa 2016, S. 403) Was sie ihren Schülern anbietet, bilde die Resonanzachsen, entlang derer sie lernen können sich zu verhalten und zu positionieren. Idealerweise finden Schüler*innen also im Laufe der Schulbildung heraus, was sie besonders interessiert – was bei ihnen besonders resoniert. Dabei sei wesentlich welche “Selbstwirksamkeitserfahrungen” sie erlebten und welche “Selbstwirksamkeitserwartungen” daraus entstünden (ebd).

Die Waldorfschule verspricht ihren Schüler*innen Raum für freie Entfaltung und zu lernen wie sie sich durch Kunst und Bewegung selber spüren und ausdrücken können. Dabei hatte ihr Gründer Rudolf Steiner, in Abgrenzung zum Christentum, Dogmenfreiheit, also die Möglichkeit sich selbst eine eigene Weltanschauung anzueignen, gepredigt.

Dass sie das bietet hat lange zu meinen Grundannahmen gehört. Ich war vom Kindergarten bis zum Anfang der 11. Klasse auf einer freien Waldorfschule und bin in einem stark anthroposophisch geprägten Elternhaus aufgewachsen. Später habe ich Objekt- und Raumdesign studiert und konnte in kunsthandwerklichen Tätigkeiten häufig auf meine Vorbildung zurückgreifen. Heute stelle ich dennoch anhand der Gestaltungssprache die Frage, ob das Versprechen nach freier Entfaltung an Waldorfschulen tatsächlich erfüllt wird. Hat meine Schulbildung dazu beigetragen mich selber in dem was ich bin frei auszudrücken? Bot sie mir eine Zeitgemäße Diversität an Rosonanzachsen? Dieses Essay führt mit Blick auf Kunst und Design durch verschiedene Momente meiner eigenen Reflektion und ist daher in Teilen subjektiv auf meine Erfahrungen an “meiner” Waldorfschule gebunden. In Gesprächen mit anderen ehemaligen Waldorfschülerinnen bin ich zwar auf überraschend vollständige Übereinstimmungen meiner heutigen Perspektive gestoßen, möchte aber trotzdem nicht verallgemeinern. Für eine objektive und sehr differenzierte Sichtweise beziehe ich mich im Bezug auf den waldorfpädagogischen Kontext auf den Religionstheoretiker Helmut Zander, dessen Forschungsbereich seit 40 Jahren die Anthroposophie und Rudolf Steiner beinhaltet.

Reflektionen

2022

“Die Freie Waldorfschule ist ein Ort, an dem sich Kinder frei entwickeln, kreativ sein und mit Begeisterung und Freude Neues lernen können. Grundlage hierfür bildet die Waldorfpädagogik, welche auf Basis der Anthroposophie von Rudolf Steiner entwickelt wurde und den Lehrplan an den Waldorfschulen, (…) prägt. Seit der Gründung der ersten Waldorfschule 1919 (…) sind über 100 Jahre vergangen und doch wirkt der anthroposophische, pädagogische Ansatz der Waldorfschule aktuell wie eh und je. Als Freie Schule legt die Waldorfschule einen breiten Fokus auf die Entwicklung der Fähigkeiten der Schüler. So gibt es ein vielfältiges Angebot an künstlerisch-handwerklichem und bildhaftem Unterricht.” so beschreibt es der Waldorfshop. Die Schlüsselworte frei und aktuell stoßen in mir auf. Die Produkte auf der Seite sind für mich vertraut, wie die Einrichtung von IKEA für die meisten Studierenden. Im Reiter “Schulbedarf” ist es möglich, nach Jahrsiebt zu filtern; für das 2te Jahrsiebt (8-14) gibt es nebst Lederranzen und Kinderharfen eine Auswahl an Wachsmalstiften und -Blöcken, Kreide und Buntstiften allen Zubehör für die Aquarellmalerei.

2010

Ich bin satt. Satt davon Kunst zu machen und malen zu müssen, satt davon irgendwas zu werkeln, das dann maximal als Weihnachtsgeschenk für die Großeltern taugt. Aus anderen Gründen wechsel ich Anfang der 11. Klasse auf ein Gymnasium und mir fällt auf, dass die Bilder, die an meiner neuen Schule aushängen, gegen die Bilder aus unserem Kunstunterricht in der Oberstufe nicht ankommen. Einmal sitze ich in dem Kunstkurs von einer Freundin aus der Parallelklasse und bin entsetzt, dass hier Woche für Woche mit billigen Tuschfarben auf demselben, inzwischen schon aufgewölbten, Blatt Druckerpapier weiter gemalt wird. Ich habe stattdessen Darstellendes Spiel gewählt, in dem meine Lehrerin nicht aufhören kann zu betonen, dass ich jede Übung sicherlich schon kenne, weil ich ja vorher auf einer Waldorfschule war.

2013

Spätestens im BuFDi prägt sich mir ein, dass kulturelle Bildung an Staatsschulen zu kurz kommt. Eine Lehrerin in der Grundschule, an der ich den Freiwilligendienst leiste, gibt die Aufgabe einen Baum zu malen und zeichnet einen dicken vertikalen Balken auf die Tafel. Ungefähr in der Mitte der Tafel fügt sie lauter Striche in alle Richtungen dazu. Ein Baum sieht anders aus, habe ich gelernt. Und überhaupt, findet Kunstunterricht nur dann statt, wenn dafür am Ende der Woche noch Zeit ist. In wenigen Vertretungsstunden gebe ich die Aufgabe ein Blatt voll zu malen und möglichst wenig Weiß zu lassen. Um Kleinkram zu verstauen hole ich vom Dachboden so einen alten Schubladenklotz von Ikea hervor. Spontan male ich da mit alten Wachsblöckchen einen Elefanten vorne drauf. Drumherum fülle ich in Regenbogenfarben die Maserungen vom Holz aus. Auf den Elefanten bin ich sehr stolz, das Drumherum geht so. Zum ersten Mal macht mir Malen wieder Spaß. Ich entdecke für mich kleine Holzmöbel mit Wachsblöckchen anzumalen und die Farbe in das Holz ein zu reiben.

2022

Die erziehungskunst – Waldorfpädagogik heute schreibt: “Kinder wollen lernen, wie »etwas geht«, und genau das finden sie im Handarbeitsunterricht. Sie erobern sich so einen zunehmend selbstbewussten Standpunkt, von dem aus sie immer sicherer sagen können, wie die Welt der Dinge eigentlich zusammenhängt. Auf einmal wird erkannt, wie eine bestimmte Jacke genäht ist.”

2019

Meine Bachelorarbeit dreht sich darum, den Menschen die Scheu vor dem Selber- machen zu nehmen und Ihnen dabei ein anhaltendes Gefühl von Stolz zu geben. Oft hilft mir im Alltag, dass ich selbständig viele Dinge hinbekomme. Ich kann mit Nähmaschinen, Handsägen, Akkuschraubern usw. umgehen und hab auch schon häufiger Gartenarbeit gemacht. Nach Niko Peach und Hartmut Rosa bin ich durch meine Selbstwirksamkeit zumindest im Handwerklichen einigermaßen resilient. Die praktischen Erfahrungen mit Material umzugehen, die an der Waldorfschule Überhand haben, kommt für die meisten Anderen in ihrer Bildungsbiografie zu kurz.

2017

Im Seminar Gestaltungsgrundlagen arbeiten wir mit Ton und Gips. Wir sollen anhand eines Kleidungsstücks und zufälligen Begriffen eine neue Form finden. Die Arbeit mit Ton ist mir sehr vertraut, obwohl ich mittlerweile 10 Jahre lang keinen mehr in der Hand hatte. Sehr detailgetreu forme ich mein T-shirt nach, dann folgt eine abstrakte Form, mit der ich mich in diesem Semester noch länger beschäftige. Die Formsprache die dabei unter meinen Händen entsteht ist mir vertraut. Sie erinnert mich stark an die Skulpturen meines leiblichen Vaters. Für Stilkunde beschäftige ich mich mit den Stilepochen zu Anfang des 20. Jahrhunderts und finde in einem Buch das Goetheanum in Dornach als Beispiel für expressionistische Architektur. Waldorf Architektur, fällt mir auf, folgt einer expressionistischen Gestaltungssprache aus den 1920ern.

2022

Helmut Zander, beschreibt die Architektur an Waldorfschulen wie folgt: “(…) diese großen Kästen mit einem schwer lastenden Dach, die (sorry) bunkerartig die Schüler vor der Welt zu schützen scheinen und die mit unrechten Winkeln anzeigen: Hier betreten sie eine alternative Welt.” Und weiter: “(…), das nicht rechtwinklige Bauen stieg zu einem höchst dogmatisierten Identitätsfaktor anthroposophischer Architektur auf. (…) Diese fixierte Architektursprache schuf Wärme, man konnte sich im Reich der fehlenden rechten Winkel immer gleich anthroposophisch zu Hause fühlen. Aber die Architektursprache bildete auch die Mauern eines anthroposophischen Gettos. (…).” (Zander 2019, S. 239). Nicht alle Waldorfschulen sind bunkerartig gebaut, besonders Neubauten setzen häufig auf eine ökologische Bauweise und versuchen hier Anthroposophische Architektur entsprechend anzupassen. Die Gebäude wirken dadurch deutlich leichter und sogesehen durchlässiger. In der Inneneinrichtung ändert sich das Bild jedoch kaum.

2021

Der Titel des Seminars “Ganzheitlich oder Totalitär, Esoterik und ihre Schnittmenge mit Rechter Ideologie” von dem Bildungskollektiv Biko spricht mich an, weil ich nicht verstehen kann, wieso Menschen, mit denen ich vertraut bin und die ich teilweise sehr schätze, mit Reichsbürgern und AFDlern zusammen als Querdenkende demonstrieren. Dann taucht irgendwo auf den Folien die Waldorfschule auf. Was die mit Esoterik zu tun habe, frage ich und meine, dass diese Schulform doch gerade für Freiheit und freie Entfaltung stünde. Und überhaupt, habe ich meine Schulzeit als sehr links empfunden. Leider haben diese vertrauten Menschen von Oben eines gemeinsam: Sie gehören zu meiner Waldorfwelt.

2007

Die Lehrerin, die vor uns steht, behandelt uns in der siebten Klasse wie Kindergartenkinder. Keine*r hat Bock auf die Stunde die nun folgt. Es ist eine von vielen, die mehr für Mobbing als für Konzentration und Ausdruckstanz steht. Hier hat niemand das Gefühl sich selber ausdrücken zu können. Ein paar Teenager weigern sich ein Eurythmiekleid anzuziehen. Später ein der Stunde provoziert ein Junge, dass eine Bewegung genau gleich wie der Hitlergruß sei.

2015

Eine Freundin von mir erzählt, dass sie bei einer Konzertprobe an der Anthroposophischen Hochschule in Witten an Leuten in komischen, kloster artigen Gewändern vorbeigelaufen ist. Auf sie wirkte die Gruppe buddhistisch bzw. irgendwie kirchlich, als ob sie gleich etwas anbeten wollten, irgendwie erhaben und auch etwas abgehoben.

2022

Das esoterische an Waldorfschulen kommt sehr deutkich in dem Fach Eurythmie durch. Es ist das Fach, wegen dessen mich die Frage, ob ich denn meinen Namen Tanzen könne, triggert. Die Ambivalenz zwischen Freiheit und Zwang ist hier besonders groß, denn zunächst sieht die Szenografie sehr befreiend aus: “Mit ihren pastellfarbenen Umhängen und der ätherischen Performance hat [die Eurythmie] sich einen unverwechselbares Profil zugelegt (…). “Eurythmie ist obligatorisch, muss mitgemacht werden. Wer nicht Eurythmie macht, wird aus der Schule ausgeschlossen”, hatte schon Rudolf Steiner dekretiert.” (Zander 2019, S.90). Besonders unbeliebt ist das Fach bei uns mit Beginn der Pubertät geworden. Später haben wir uns wohl irgendwie damit arrangiert. Wer in der 12. Klasse keinen Eurythmieabschluss machen möchte, bekommt auch keinen Waldorfabschluss. In manchen Waldorfschulen ist der Waldorfabschluss an den Realschulabschluss1 geknüpft. Was in der Eurythmie offensichtlich ist, zieht sich durch alle künstlerischen und handwerklichen Unterrichtsfelder: “(…) [Steiner] hatte noch zu Lebzeiten einen Malstil kanonisiert, der durch impressionistische Gegenständlichkeit, pastellfarbene Töne und Zurückdrängung der Linie zugunsten der Fläche gekennzeichnet war (…). Bei diesem Programm ist die anthroposophische Malerei geblieben” (Zander 2019, S. 134).


1 An Waldorfschulen sind i.d.R. mindestens 12 Schuljahre vorgesehen. In meiner Schule wurde der Realschulabschluss zusammen mit dem Waldorfabschluss in der 12. Klasse gemacht und das Abitur in der 13. Von einer hamburger Schule kenne ich auch das Konzept, dass der Realschulabschluss in der 11. Klasse absolviert wird und es anschließend den Schüler*innen freigestellt ist, ob sie auf dem Weg zum Abitur in der 13. Klasse in der 12. auch noch den Waldorfabschluss machen möchten.

2005

Im Handarbeitsunterricht lernen wir in diesem Schuljahr den Kreuzstich. Die Aufgabe ist, die Tasche in harmonischer Farbreihenfolge zu besticken und sie muss in der Mitte einer Spiegelachse folgen. Ich wollte gerne etwas anders vorgehen – und hab das auch gemacht, allerdings wurde der Teil von der Lehrerin wieder aufgemacht. Ich habe dann versucht – trotz Spiegelung kreativ zu werden und bin bis heute unzufrieden damit. Die Handwerkskunst an sich bereitet mir keine Schwierigkeiten. Bis auf wenige Projektwochen und bei einem etwas zu unorthodoxen Kunstlehrer in der Oberstufe (der wohl vorhatte, niemals an einer Waldorfschule zu unterrichten), ist jede einzelne Aufgabe und Formensprache im Kunst und Handwerks-Unterricht klar vorgegeben. Weltweit sind an Waldorfschulen je nach Klassenstufe dieselben Bilder zu sehen. Aquarellbilder, Farbverläufe, Filz, Fünfstern und Harmonie. Im Internet ist die immer gleiche Formensprache schnell zu finden.

2000

Wir malen irgendwelche Tiere. Mir wird gesagt, ich solle aus der Fläche malen. Also auf gar keinen Fall mit der Umrandung beginnen. Also male ich erst den Bauch, lasse aus ihm Arme und Beine und den Kopf wachsen. Jahre später wende ich diese Technik an um einen großen Minion nach Anleitung der Kinder in der Grundschule auf die Tafel zu malen.

2017

In Modellbau und Materialkunde ist die Aufgabe, aus drei verschiedenen Materialien einen möglichst leichten Display zu bauen, der einen Milchkarton tragen kann. Drei- und Viereckige Formen schließe ich kategorisch aus. Stattdessen klammere ich mich unbewusst dogmatisch an das Fünfeck. Auf der Waage kann mein Display damit nicht punkten – einfacher ist die Aufgabe dadurch auch nicht. Meine Handyhalterung für die Gitarre verweigert sich ebenfalls jeglicher einfacher Linien und pragmatischen Umgang mit Formen.

2016

In den ersten Semestern im Objekt-und Raumdesign Studium, an dem ich plötzlich wieder die Aufgabe habe etwas zu gestalten, dass ich nicht unmittelbar brauche, reproduziere ich was ich Jahrelang gelernt habe. Viele geschwungene Linien, fünfeckig, harmonisch ausgeglichen. Mir fällt später erst auf, dass ich das indoktrinierte Corporate Design meiner Kindheit reproduziere. Das mag vielleicht auf “die Welt da draußen” individuell wirken, aber ist das meine Formsprache? Drücke ich mich wirklich selber dadurch aus? Kann von freier Entfaltung und Individualität gesprochen werden, wenn sie nur in eine ganz bestimmte Richtung passiert? In den drei folgenden Semestern lerne ich in Designwissenschaften und Stilkunde Vielfalt kennen. Wir sprechen und lesen über die historischen Hintergründe, etwa warum nach dem zweiten Weltkrieg der Brutalismus entstand, wieso sich Gestaltungssprache mit der Zeit ändert und was wir durch sie über Teile der Gesellschaft erahnen können. Der im Bauhaus viel angewendete Leitsatz “form follows funktion”2 bietet mir eine befreiende Formel, anhand der ich mich mit der Zeit von dem lavendelfarbenen Seidenschleier über meinem Design befreie.


2 die kritische Auseinandersetzung damit gehörte zum Curriculum in diesem Semester, mir ist bewusst, dass das Bauhaus ebenfalls keine “freie Entfaltung” liefert.

2022

Wie Eingangs erwähnt, triggert mich der Schlüsselbegriff aktuell im Zusammenhang mit der Waldorfpädagogik. Ich stimme, aus meiner Erfahrung, Zanders Einschätzung zu, dass die Anthroposophische Gesellschaft verpasst hat ihr Kernstück – die Waldorfschule – mit ins 21. Jahrhundert zu übertragen. Besonders stark fällt das im Umgang mit Medien ins Gewicht.

2014

Meine Medienkompetenz macht mir Sorgen. Als ich zu Studieren beginne (zu diesem Zeitpunkt Mathematik und Musik auf Gymnasiallehramt), weiß ich kaum, wie eine Powerpoint Präsentation erstellt wird und alles Digitale außer Texte schreiben ist mir eher fremd. Ich benutze einen Computer dabei kaum anders, als eine Schreibmaschine.

2016

Die FH Dortmund verspricht mir: “Objekt- und Raumdesign ist einzigartig, weil man lernt, Ideen und Inhalte in Gestaltung zu übersetzen. Räume werden inszeniert, so dass Konzeptionen begreifbar werden und begeistern. Man lernt Flexibilität im Umgang mit verschiedenen Aufgabenfeldern, die Planung und die Umsetzung von Projekten gehören dazu. Weitere Fähigkeiten sind Materialwissen sowie Methoden- und Medienkompetenz.”

2020

Dass der Entwurf meiner Bachelorarbeit mit den 3D Planungs- und Animations Tools Vectorworks und Cinema 4D als virtueller Raum ausgearbeitet werden muss, ist am Ende der Pandemie geschuldet, denn zu dem Zeitpunkt, als ich mein Modell bauen möchte, ist die Hochschule geschlossen. Etwas rein digital zu erstellen ist für mich nachwievor eine große Hürde. Meine Unerfahrenheit im Medienbereich sorgt dafür, dass ich mich an klare Linien und einfache Formen halten muss. Farbverläufe gefallen mir am Computer nicht so sehr, denn sie wirken hier zu steril. Form follows Function – und meinen Fähigkeiten. In meiner bisherigen Gestaltungssprache fühle ich mich hier eingeschränkt – aber das was bleibt, zwingt mich dazu etwas anderes auszudrücken: Gestaltbaren Pragmatismus, wenn auch am Computer.

2022

In dem Kapitel Autorität und Freiheit beschreibt Zander die hierarchischen Strukturen der Anthroposophischen Gesellschaft: “Die entscheidende Erkenntnis erlangt man nicht durch Bildung oder Wissenschaft, sondern weil “Du” Schüler eines Meisters bist, der “Dich” einweiht. (…) Wer aber initiiert, wer “höhere Erkenntnis” hat, steht über der alltäglichen Welt des Diskurses.” (Zander 2019, S.35) Der Philosoph Jacques Rancière beschreibt diese Art von Hierarchie in der Bildungsstruktur als “Prinzip der Pädagogischen Verdummung”: “Es gibt Verdummung da, wo eine Intelligenz einer anderen Intelligenz untergeordnet ist. Der Mensch – und insbesondere das Kind – kann einen Lehrmeister benötigen, wenn sein Wille nicht stark genug ist, um ihn auf seinen Weg zu bringen und dort zu behalten. Aber diese Unterwerfung besteht rein zwischen Wille und Wille. Sie wird verdummend, wenn sie eine Intelligenz an eine andere Intelligenz bindet.”(Ranicére 1987, S.23). Ranciéres und Steiner Ansichten bilden für mich einen eklatanten Widerspruch.

Jetzt

In den Designwissenschaften haben wir, besonders im Zusammenhang mit dem Bauhaus, viel über reproduzierte eurozentristische Weltbilder gesprochen und über die Herausforderung diese im Bildungswesen aufzubrechen. Die Waldorfschulen stehen vor einer noch viel größeren Herausforderung, da sie ein Weltbild produzieren, dass noch nichteinmal irdisch ist. Wir können nur auf etwas antworten, dass uns auch begegnet. Resonanzachsen, die nicht existieren sind wie tote Winkel in der eigenen Entwicklung. In einer Schulform, die 12 Jahre lang einen großen Fokus auf Kunst, Kultur, Handwerk und freie Entfaltung legt, vermisse ich die konsequente Offenheit diesen Raum entsprechend zu diversifizieren. Außerhalb von kunst-handwerklichen Fähigkeiten aus dem 19. Jahrhundert und außerhalb derGestaltungssprache des anthroposophischen Spektrums, wird sie durch den eigenen Dogmatismus ausgebremst. Im Transformationsdesign fragen wir nach dem Bedarf anhand dessen wir versuchen ein Angebot zu formulieren. Die Anthroposophische Gesellschaft bietet einen festen Rahmen von Angeboten innerhalb dessen Schüler*innen ihren Bedarf befriedigen müssen. Das Konzept mag in der Wahrnehmung innerhalb des Rahmens aufgehen. Doch um ihn zu verlassen, ist es nötig ihn an allen fünf Ecken auseinanderzunehmen.


Literatur

Helmut Zander,

Die Anthroposophie, Paderborn: Ferdinand Schöningh, 2019

Jacques Ranciére,

Der unwissende Lehrmeister, Wien: Passagen Verlag 1987

Hartmut Rosa,

Resonanz, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2016

David Bohm,

On Dialogue, London/New York, Routledge 2013

Nicola Hille,

ein neues Bauhaus?, in: Anja Baumhoff, Magdalena Droste (Hg), Mythos Bauhaus, Berlin: Reimer 2009

Erziehungskunst:

erziehungskunst.de/artikel/die-kunst-im-praktischenhandarbeitsunterricht-in-der-waldorfschule/, am 21.02.22

FH-Dortmund,

fh-dortmund.de/studienangebot_objekt_raumdesign_ba, am 21.02.22

Waldorfshop,

waldorfshop.eu am 21.02.22

Biko,

die-dezentrale.net/events/vortrag-mit-biko-esoterik-und-ihreschnittmenge-mit-rechter-ideologie/ 21.02.22

Anmerkung zur Literatur: Mir ist bewusst, dass die Autoren aus dieser Literaturliste hauptsächlich männlich und weiß sind. Ich habe mich in diesem Essay hauptsächlich auf die Autoren beschränkt, die mich innerhalb des Seminares konkret aufhorchen ließen. Zur Waldorfschule bzw. zur Anthroposophie habe ich lange nach einer seriösen Quelle gesucht. Es gibt leider sehr viel Anbetung auf der einen und verkürztes Urteil auf der anderen Seite.

Anmerkung zum Titel:

Morgenspruch ab der 5. Klasse

– Rudolf Steiner

Ich schaue in die Welt,

In der die Sonne leuchtet,

In der die Sterne funkeln;

In der die Steine lagern,

Die Pflanzen lebend wachsen,

Die Tiere fühlend leben,

In der der Mensch beseelt,

Dem Geiste Wohnung gibt (…)

Sophia-Christin Seidenzahl

by Dipl. Des. Lisa Baumgarten
in Designtheorie, WiSe 2021/22

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