„WER WIR WAREN“ – eine Kurzrezension

Wir bedienen uns der Zukunft, um Szenarien zu beschreiben, um Möglichkeitsräume in den Köpfen der Menschen zu eröffnen. Aber auch für die Frage danach, wie und wer wir gewesen sein werden, ist die Perspektive der Zukunft eine Methode, welcher wir uns bedienen. In seinem Buch „Wer Wir Waren“ nutzt Roger Willemsen diese Sichtweise, um unsere heutige gesellschaftliche Situation zu beschreiben. Meiner Meinung nach unbedingt zu lesen, wer sich für Themen des Transformation Design interessiert. Es folgt eine Kurzrezension.


WER WIR WAREN ist eine Schrift über die Gegenwart. Sie beschreibt die Jetztzeit, den Status quo, aus einer Zukunftsperspektive (einer zukünftigen Gegenwart) heraus, blickt zurück auf all das, was wir heute schon sehen sollten, und lehrt uns schon jetzt, und gerade jetzt, wie wir einmal gewesen sein werden. Der 2016 verstorbene Autor, Publizist etc. Roger Willemsen lotet in diesem, seinem letzten Nachlass, der eigentlich aus dem Zusammenschrieb zweier Reden besteht und irgendwann einmal als Buch erscheinen sollte, das Bewusstsein unserer Zeit aus; er fragt sich, wie und wodurch es formatiert wird und wie es dazu kommen konnte, dass wir die geworden sind, die wir sind.

Warum dieser rhetorische Kniff, warum der Umweg über die Zukunft, mag man sich fragen. Weil wir geschult darin sind, „Wissen im Nichtwissen zu behaupten; nicht gewusst zu haben werden, während man doch wusste.” Klimawandel, Massenarmut, Totalüberwachung, Burnout, Glaubens- und Handelskriege, Migration, Ressourcenknappheit, Artensterben, Krisenprotokolle, Niedergangsprognosen: alles da, alles offenkundig. Insofern scheint vieles von dem, was der Autor auf den ersten Seiten anbringt, auf den ersten Blick nicht unbedingt neu; und klar gibt es Verweise zur Frankfurter Schule, zur Disziplinargesellschaft Foucaults, zur Entfremdung Rosas. Doch Willemsen tut mehr. Er zeigt der Welt ihr eigenes Bewusstsein auf: ihre Teilnahmslosigkeit, ihre Urteilsresistenz, die Atomisierung ihres Denkens, ihre neurotischen Selbstverwirklichungs- und Selbstverbesserungslügen, ihre Effekthascherei, ihre Übersensibilität, die Flüchtigkeit ihrer verzweifelt gesuchten Ideen, ihre Selbstunterwerfung gegenüber entmenschlichten Systemen, ihre stetige Abkehr von den aufklärerischen Idealen, ihre Kapitulation vor den Verhältnissen als ein Mit-der-Zeit-Gehen. Einer Zeit, die sich keine konkrete Zukunft mehr vorstellen kann, nur noch diffus, materiell, ohne Visionen; ein paar Convenience-Produkte. Eine Zeit, in der der Rechner zum großen Vorbild gemacht wurde, zum Archetypen des neuen Menschen, effizient, nie zögernd, zu unendlich vielen Parallelhandlungen fähig; die Zukunft wird nicht mehr erdacht, nicht mehr erhofft, sie wird erst errechnet, dann beschworen, dann verwaltet. Es ist eine Zukunft, in der die Grenzen zwischen Original und Simulation (nicht Original und Fälschung!) in beide Richtungen verwischen, in der die letzten Zwischenräume verloren gehen, die Zonen des Innehaltens, des Erholens, Faulenzens, der Emotionen, des Reflektierens, während gleichzeitig die eigentlichen Räume es auch nicht mehr wert sind, in ihnen zu verweilen. Die Menschen erscheinen nur noch als Getriebene, dem ewigen Kreuzfeuer medialer Stimuli ausgesetzt, als Überforderte, als „umkämpfte Abgekämpfte“, als immer Abwesende.

So schreibt Willemsen und schafft dabei in seiner Analyse ungeahnte Verknüpfungen, beleuchtet den Zeitgeist aus vielen Richtungen, von gestern und von morgen, und präsentiert alles in einer poetischen, vielleicht dadurch sogar umso subversiveren Gestalt, die sich bei mehrfachem Lesen erst in ihrer ganzen gedanklichen Fülle präsentiert. Der essayistische Stil ist ausgefeilt, blumig und bissig zugleich: „Wir waren wie die Landschaft, im Rückzug.“ oder „Die letzte Epoche der Utopie hat begonnen, und wie alle Ressourcen wird auch die Zukunft knapp.“ Es bleibt wenig auszusetzen an Willemsens Denken.

 

Einleitung: Maik Hauck (Transformation Design)
Rezension: Julian Koch (Landschaftsökologe und Philosoph)

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