Reisebüro für Perspektiven

Wer kennt sie nicht, die Jetsetter*innen? Die Weltenbummler*innen? Und Globetrotter*innen? Ja, vielleicht gehörten wir auch selbst dazu.

Nachhaltigkeit ist in aller Munde, nahezu schon ein Lifestyle und trotzdem stieg 2019 erneut die Anzahl der Auslandsflüge ab Deutschland um 3% (entspricht 2,4 Millionen Menschen) auf einen Rekordwert an (vgl. Zeit Online 2019: o.S.).

Im Rahmen des Semesterprojekts „Re/sources“ haben wir uns mit der Endlichkeit von Ressourcen beschäftigt. Flugreisen sind das energieintensivste Fortbewegungsmittel und gleichzeitig auch das umweltschädlichste. Daneben hat ein gesteigertes Reiseverhalten auch soziale Konsequenzen wie die Anspannung auf dem Immobilienmarkt durch Ferienwohnungen und Niedriglohn-Löhne in der Tourismusbranche.

Wusstest du schon, dass etwa fünf Prozent der weltweiten CO2-Emissionen direkt auf den Tourismus rückzuführen sind?

Die Reisemotivationen in modernen Wohlstandsgesellschaften sind divers und altersübergreifend, für den Zukunfts- und Tourismusforscher Professor Opaschowski stimuliert die Reiselust: „Unrast und innere Unruhe“, Abwechslungsbedürfnis und Flucht von der Alltagsmonotonie“, „Neugier und Entdeckungsdrang“, „Erlebnishunger und Abenteuerlust“, „Wunsch nach Sonne und Wärme“ und „Sehnsucht nach Natur“ (Opaschowski 1989: 78). Ergänzend ist hier im heutigen digitalen Zeitalter auch der Aspekt des sozialen Drucks, der auch in der Werbung aufgenommen wird.

Herz vs. Kopf oder auch Fernreise vs. Umweltschutz

Lufthansa: 2018

Die Lufthansa-Werbekampagne „(…) für Entdeckungslustige“ (Pfannenmüller 2018: o.S:) zeigt dabei auch auf, dass Reisen und Darstellungsmöglichkeiten auf Plattformen wie Instagram zunehmend korrelieren und offenbart die emotionale Komponenten einer Reisebuchung.

In einer Tourismus-Studie gaben Urlauber*innen aller Alters- und Einkommensklassen übereinstimmend an, nachhaltiger reisen zu wollen, obgleich im Reiseverhalten keine Änderungen bemerkbar waren (vgl. FUR 2019: 6f.) – ein deutliches Attitude Behavior Gap.
In Zeiten einer drohenden Klimakrise stellt sich somit für uns die Frage: Wie kann die ressourcenaufwendige Überwindung von räumlichen Distanzen im privaten Tourismus verringert werden, indem die damit verbundenen Ziele im direkten räumlichen Umfeld angeboten werden?

Im Rahmen der Projektbearbeitung hatten wir die Möglichkeit, Hintergrundgespräche unter anderem mit Professor Dr. Niko Paech von
der Universität Siegen zu führen. Für Paech ist es ein wichtiges Anliegen, den Begriff der „globalen Verantwortung“ im Bildungssystem zu verankern. Er fragt sich, wie ein Individuum etwas als Recht beanspruchen kann, was ihm unter keinen Umständen zu steht.

„Wenn mir ein Nachbar erklärt, die Kreuzfahrt aus den eigenen Ersparnissen finanziert zu haben und somit ein Anrecht für diese Reise zu haben, würde ich darauf erwidern: ‚Einen Moment, das Ticket hast du vielleicht bezahlt, aber die Ökosphäre die du damit zerstörst, gehört mir genauso und die ist nicht bezahlbar‘.“ Prof. Dr. Niko Paech, 2020

Eine Strategie, die schädliche Aktivitäten (wie Flugreisen) verteuert, findet er theoretisch positiv, diese hätte aber seiner Meinung nach kaum Mehrheiten in der deutschen Bevölkerung. Paech fordert deswegen, dass es eine soziale Bewegung gegen den ökologischen Vandalismus gibt, die eine neue Sesshaftigkeit vorlebt und damit die Gesellschaft herausfordert und konfrontiert.

Vorleben möchten wir auch mit dem Reisebüro für Perspektiven. Wir wollen Alternativen aufzeigen und verdeutlichen, wie einfach Urlaubserlebnisse im direkten Umfeld sind. Da wir bei Umfragen eine hohe soziale Erwünschtheit prognostizieren, haben wir uns entschieden direkt mit unseren Reiseangeboten wie „Au-Pair in Goslar“ und „Kartoffelerntehelfer*in in Uetze“ ein Pop-Up Reisebüro an der Hochschule für bildende Künste zu eröffnen. Die Beratungsleistung ergänzte dabei ein „Travel-Tree“ zur Entscheidungsfindung und „Einpreisungs-Barometer“.

Für alle Reisefreudigen gibt es neben den individuellen Angeboten auch eine siebentägige Postkartenreise. Mehr zu unseren Reiseberichten, Aktionen und Angeboten aus der Region findet ihr auf Instagram und beim Rundgang in der Hochschule für bildende Künste Braunschweig im Juli 2020.

HBK BS, 28. Januar ’20
Siebentägige Postkartenreise

Quellen
FUR Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V. (2019): „Reise Analyse 2019“
Lufthansa (2018) „Say Yes to the World“, [online] https://www.lufthansa.com/fr/en/sayyes [15.03.2020]
Paech, Niko (2019): Telefoninterview am 21. Januar 2020, Siegen/ Braunschweig
Pfannenmüller, Judith (2018): „Markenkampagne: Lufthansa launcht größte Kampagne der Unternehmensgeschichte“, [online] https://www.wuv.de/marketing/lufthansa_launcht_groesste_kampagne_der_unternehmensgeschichte [15.03.2020]
Opaschowski, Horst W. (1989): „Tourismusforschung“, Wiesbaden: Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften


Ein Projekt von:
Anna Eckl, Leonie Matt und Colleen Brown
Semesterprojekt „Re/Sources“, Wintersemester 2019/2020
Kontakt

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